60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Liesbeth van Woerden

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Nichts Überraschendes, wenn ein Frauenkörper abgeflacht, in Stücke geschnitten und zur Schau gestellt wird. Das findet man in unserer Werbekultur täglich in Magazinen und im Fernsehen. Nichts anderes macht die Medizinkultur jeden Tag in den Röntgenabteilungen der Krankenhäuser. Selten jedoch wird dieser Vorgang so witzig und direkt vor Augen geführt, wie es bei Liesbeth van Woerdens „Torso“ der Fall ist.

Die Künstlerin fotografierte den ungenierten Körper einer ganz gewöhnlichen Frau, angefangen beim Hals bis hinunter zu den Hüften, druckte das Ganze etwas größer als Lebensgröße aus, schnitt daraus achtzig Postkarten und verteilte sie an einem öffentlichen Platz. Nachdem jeder Teilnehmer dann einen Körperteil gewählt hatte, der ihm oder ihr am meisten zusagte, wurden sie fotografiert. Auf diesen Fotografien hielten sie nun etwa einen Nippel, die Falte an einem Ellenbogen oder ein bisschen Schamhaar in der Hand.

Die Ergebnisse schwanken zwischen Sentimentalität und Gender-Bending, zwischen Formalismus und dem Absurden. Einem Mann wächst ein Heiligenschein, ein schlaffer Busenansatz verbindet sich mit einem Schatten am Boden. Anschließend ersuchte Van Woerden die Teilnehmer, die Karten zu adressieren und an ihre Galerie zu senden, wo sie wieder auf einem Postkartenständer zu einer räumlichen Komposition wurden.

Die größte Überraschung dabei verdankt sich wohl weniger dem Umstand, dass alle Postkarten auch tatsächlich zurückgeschickt wurden und daher die Frau auf gewisse Weise wieder vervollständigt werden konnte. Vielmehr lieferte die Post alle auf einmal, in einem Packen, der von einem Gummiband zusammengehalten wurde.

Von welchem Augenblick an war auf der Post klar geworden, dass man hier einen Körper in Händen hielt? Haben die Angestellten ihn zusammengesetzt, in den Pausen, während sie keine Briefe sortierten? Wie konnten sie wissen, dass sie nun alle Teile beisammen hatten und es an der Zeit war, auszuliefern?

— Lori Waxman, 30. Juni 2012, 17.31 Uhr

There’s nothing surprising about a female body being flattened, cut up and put on display. This is what advertising culture does daily in magazines and on television; it is what medical culture does daily in hospital imaging centers. Rarely, however, is this process acknowledged as wittily and directly as in Liesbeth van Woerden’s “Torso.”

The artist photographed an unabashedly regular woman’s body from neck to hips, printed it up a bit larger than life, divided it into 80 postcards and distributed these in a public place. Having chosen the body fragment that most appealed, each participant was then photographed holding a nipple, elbow crease or straggle of pubic hair.

The results vary from sentimental to gender-bending, from formalist to absurd. A man grows an aureole, a droopy cleavage lines up with a shadow on the ground. Van Woerden then asked participants to address and mail the cards back to her gallery, where they were reassembled on a postcard rack into a 360-degree composite.

Perhaps the biggest surprise of all is not that all the cards made it back so that the woman could be made (somewhat) whole again, but that the post office delivered them all at once, in a stack tied together with a rubber band.

At what point did they realize they had a body on their hands? Did they put it together themselves, in between sorting the mail? How did they know they had all the pieces and it was time to dispatch the courier?

— Lori Waxman, 6/30/12 5.31 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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