60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Lilli-Marie Hornschu

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Barbie ist der Albtraum jeder Feministin und das bedeutet, dass für diese unmögliche Figur die Zeit reif für eine künstlerische Intervention wurde, wie sie Lilli-Marie Hornschu ins Werk gesetzt hat. Es ist noch gar nicht so lange her, als Hornschu selbst, die heute zwölf Jahre alt ist, mit Barbies spielte.

Doch diese ganz besondere Puppe hier, die Hornschu zur einen Hälfte mit Goldfarbe übermalt und zur anderen mit Gips überzogen hat und wie ein Musterstück auf einer glänzenden schwarzen Platte ausgelegt hat, hat gar nichts Spielerisches an sich. Wir werden sie also obduzieren.

Die goldene Hälfte zeigt uns Barbi sowohl idealisiert wie auch zum Idol erhoben, ein unrealistisches Traumbild, dem viele blind nachstreben und vor dem sie auf die Knie fallen. Die eingegipste Hälfte markiert eine andere Art von Körper, einen klumpigen und untersetzten, doch auch einen verletzten, der deshalb mit einem Verband versehen ist, weil dies die Möglichkeit der Heilung nahe legt. Wird die medizinische Versorgung dazu beitragen können, diese Frau so wunderschön werden zu lassen wie Barbie?

Glücklicherweise hat Hornschu dieser Skulptur einen Titel gegeben. Er lautet: „Inside Everybody Is as ,Perfect‘ as Barbie’s Body“ [„Innen drin ist jeder so ,perfekt‘ wie Barbies Körper“] und die An- und Ausführungszeichen, die das Wort perfect/perfekt hier einrahmen, bestätigen, wie anspruchsvoll und kritisch Hornschus Geste ist. Denn an Barbie ist gar nichts perfekt: Die Goldfarbe ist billig und abgeschlagen, sie verhindert zu sehen und zu hören. Doch genauso schwierig ist es, etwas zu sehen oder zu hören, wenn einem der Kopf einbandagiert ist. Sie ist ein ziemlich beschädigtes Model, ganz egal, von welcher Seite her man sie auch betrachtet.

— Lori Waxman, 15. September 2012, 14.47 Uhr

Barbie is every feminist’s nightmare, a situation that renders her impossible figure ripe for the kind of artistic intervention undertaken by Lilli-Marie Hornschu. It was not so long ago that Hornschu, who is twelve, played with Barbies.

But there’s nothing playful about this particular doll, which Hornschu has covered half in gold paint and half in plaster, and laid out like a specimen on a shiny black slab. So dissect her we will.

The gold half indicates Barbie as both idealized and idolized, an unrealistic vision that many blindly aspire to and prostrate themselves before. The plaster half marks a different kind of body, a lumpy and thickset one, but also a damaged one, covered in a cast that indicates the possibility of healing. Will medical treatment help this woman to become as beautiful as Barbie?

Fortunately, Hornschu has titled the sculpture “Inside Everybody Is as ‘Perfect’ as Barbie’s Body,” and those quotation marks around the word “Perfect” crucially confirm the sophistication and criticality of Hornschu’s gesture. For there is nothing perfect about Barbie at all: the gold paint is cheap and chipped, both blinding and deafening. But it’s equally hard to see or hear through a head covered in plaster bandages. She’s a totally flawed model, seen from any angle.

—Lori Waxman 9/15/12 2:47 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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