60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Lona Rothe-Jokisch

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Es ist üblich geworden, das Werk zeitgenössischer Künstler als „Praxis“ zu betrachten. Doch schon lange vor der Prozesskunst, Performancekunst und zahlreichen anderen Arbeitsweisen, welche die Tatsache bewusst machten, dass es im Leben mehr gibt als ein Endprodukt, haben Zen-buddhistische Mönche eine fachübergreifende und auf Praxis basierende Kunstform entwickelt, die Sho-do heißt.

Die Kalligraphie, so wie wir sie begreifen, wird auch heute noch auf vielfältige Weise geübt. Lona Rothe-Jokisch spricht kein Japanisch, doch das spielt kaum eine Rolle, da es bei diesem Medium nicht vornehmlich um Sprache geht, sondern vielmehr um eine kraftvolle Kombination aus Poesie, Malerei, Meditation und sogar Tanz. Als Schülerin von Kazuaki Tanahashi hat sie über ein Jahrzehnt lang die flinken und langsamen Striche mit dem Tintenpinsel eingeübt und erst vor Kurzem ein Banner geschaffen, das multikulturelle Bedeutung besitzt.

Man liest hier „Stadt im Wandel“, was sich auf eine internationale Bürgerbewegung bezieht, die vor nicht langer Zeit einen Ortsverband in Kassel eingerichtet hat. Geschrieben in japanischen Lettern, in einem Stil, der sich über die Jahrtausende hinweg entwickelt hat, von einer deutschen Psychotherapeutin für eine internationale Bewegung, die sich mit der Kultivierung des inneren Selbst befasst, um die äußere Welt zu verbessern – was könnte unverhoffter sein oder perfekter?

Perfekt ist das – im Sinne von Wabi-sabi, dieser anderen ästhetischen Tradition aus Japan, welche die Perfektion je nur im Unvollkommenen erkennt.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 15.12 Uhr

It has become common to refer to the work contemporary artists do as a “practice.” But long before process art and performance and various other modes of making brought attention to the fact that there is more to life than an end product, Zen Buddhist monks evolved a multi-disciplinary practice-based art form called Sho-do.

Calligraphy, as we know it, remains a rich tradition today. Lona Rothe-Jokisch does not speak Japanese, but this hardly matters since the medium is not primarily about language but rather a potent combination of poetry, painting, meditation and even dance. A student of Kazuaki Tanahashi, she has practiced the swift, slow strokes of the ink brush for over a decade, and has lately created a banner of multicultural significance.

It reads “Stadt im Wandel,” which means Transition Town, an international citizens movement that recently gained a Kassel chapter. Written in Japanese characters in a style evolved over millennia by a German psychotherapist for an international movement focused on cultivating the inner self in order to improve the outer world—what could be more unexpected, or more perfect?

Perfect, that is, in the sense of Wabi-sabi, that other Japanese aesthetic tradition, which recognizes perfection only in the imperfect.

—Lori Waxman 7/14/12 3:12 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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