60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Lydia Stumm

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Manchmal geschehen Dinge ohne besondere Absicht. Planung ist nicht alles und zuweilen kommt der Zufall als inspirierender Komplize ins Spiel. Man nehme zum Beispiel die Bilder von Lydia Stumm.

Stumm arbeitet ohne Pinsel, ohne Bleistift, ohne jede Vorstellung davon, was das Endergebnis ihres Schaffensprozesses sein wird. Sie zerreibt Farbkreiden durch ein kleines Teesieb, und reibt dann mit ihren Fingern den so entstandenen Farbschlick in dickes Papier. Daraus entsteht eine weiche, reich getönte Textur, fein gesprenkelt wie eine fotografische Aufnahme auf Film, die ein bisschen zu sehr vergrößert wurde, so dass sie im Begriff steht, sich als Bild aufzulösen. Schließlich materialisiert sich auf beinahe magische Weise – zumindest auf statistisch-magische Weise, die in den Wolken Gestalten erkennbar werden lässt, wenn man diese nur lange genug am Himmel betrachtet – Form heraus. Das können dann freundliche blauäugige Zwerge sein, die grüne Mäntelchen umhaben und spitze rote Hüte auf den Köpfen tragen, oder aber auch ein umbrafarbenes Segelboot, das auf einem dunklen, ruhigen Meer bei Sonnenuntergang dahin treibt.

So unvorhersehbar, wie diese Formen auftauchen können, so können sie jedoch auch wieder verschwinden. Sie lassen dann eine wald- und gelblichgrüne Landschaft leer, mit Ausnahme der goldenen Straße, die ihr den Horizont verleiht.

-Lori Waxman, 8. August 2012

Things often happen without specific intention. Planning isn’t everything, and coincidence and chance can make inspired accomplices. Consider, for instance, the pictures of Lydia Stumm.

Stumm works without a brush, without a pencil, without any idea of what the end result of her process might be. She grinds chalk pastels through the mesh of a small kitchen strainer, the kind used for pouring out a pot of tea, then rubs the colored silt into thick paper with her fingers. A soft, richly tinted texture results, finely speckled like a photograph shot with film and blown up a bit too large, so that it starts to fall apart. Eventually forms materialize, as if by magic, or at least the statistical magic that gives clouds shapes if you look at the sky long enough. These might be friendly blue-eyed dwarves, dressed in green jackets and pointy red hats, or an umber sailboat, afloat on a dark, placid sea at sunset.

As unpredictably as they appear, however, they can also disappear, leaving a forest green and chartreuse landscape empty except for the golden road that forms its horizon.

—Lori Waxman 8/8/12 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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