60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Malte Stiehl

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Beschilderungen in Städten, Ziegel und Fliesen, die Seitenwand einer Scheune oder ein Blumentopf mit Geranien an einem Fenstersims sind so banal, wie Alltägliches nur sein kann, was gleichzeitig aber auch bedeutet, dass sie so außergewöhnlich sind, wie es nur Alltägliches sein kann. Sie sind nicht neu in der Kunst, vor allem nicht, seitdem sie Walker Evans vor langer Zeit zu Objekten seiner Fotografien machte, aber sie sind etwas, was nun einmal da ist.

Was wir auch haben – und Malte Stiehl zeigt uns das auf seinen lebensgroßen Ölgemälden – ist eine Barriere zwischen ihnen und uns: Metallzäune, die unsere Städte in Quadrate und Vierecke einteilen. Stiehl malt zuerst die Gitter und füllt sie dann in einem zweiten Schritt aus, Geviert für Geviert. Wenn man das in dickem Öl auf Leinwand materialisiert sieht, dann wird der moderne Schub deutlich. Die Gitter von Piet Mondrian und Annie Albers sind da draußen, doch ganz besonders die von Agnes Martin.

Stiehls goldene und graue Ansicht dreier Fahrradständer ist etwas, das die späte Minimalistin hätte malen können, wäre sie in der Stadt geblieben, anstatt in die Wüste New Mexicos zu flüchten.

— Lori Waxman, 16. Juli 2012, 14.41 Uhr

Urban signage, bricks and tiles, the side of a barn or a pot of geraniums on a window grate are subjects as banal as anything quotidian can be, which is to say that they are also as extraordinary as anything quotidian can be. They’re not new to art, at least not since Walker Evans made them the object of his photographs way back when, but they’re what we’ve got.

What we’ve also got, as Malte Stiehl evinces in his life-size oil paintings, is a barrier between them and us: metal fences that grid our cities up into squares and rectangles. Stiehl paints the grids first and fills them second, square by square. Seeing this materialized in thick oil on canvas, its modernist thrust becomes clear. The grids of Piet Mondrian and Annie Albers are out there, but especially those of Agnes Martin.

Stiehl’s gold and grey view of three bicycle railings is what the late minimalist might have painted if she’d stayed in the city instead of escaping it for the deserts of New Mexico.

— Lori Waxman 7/16/12 2:41 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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