60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Manfred Ossyssek

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die von Manfred Ossyssek gemalte Trilogie wirkt auf trügerische Weise einfach. Auf drei gleich großen anspruchslosen Bildtafeln sieht man einen Mann und eine Frau, nicht breiter oder komplexer angelegt als Figuren aus Stöcken, und sie erzählen die Geschichte des Verliebens.

Zuerst ist da die Einsamkeit, dann die Hoffnung und schließlich die Zuneigung. Die beiden sind voneinander getrennt, sie nähern sich einander an, sie umarmen einander. Ihre Farben ändern sich von blau zu grün und dann zu rot. So weit, so gut, so geradlinig. Doch verweist Blau immer auf die Einsamkeit? Blau ist auch die Farbe der Ruhe, und allein zu sein kann ein Zustand sein, der weitaus mehr Gelassenheit verspricht als der, sich in einer Paarbeziehung zu befinden. Konnotiert Grün immer die Hoffnung? Grün ist auch die Farbe der Eifersucht, eine Gefühlsregung, die durch das romantische Begehren ausgelöst wird. Rot, die Farbe des Herzens und des Valentinstags, signalisiert auch Zorn, das Anschwellen des Blutes.

Abgesehen von dem Paar, gibt es auf den zweifarbigen Leinwänden bloß die einfachsten Hintergrundelemente, doch auch diese scheinen mehr zu enthüllen, als sie für den ersten Blick bereithalten. Vertikale blaue Pinselstriche im ersten Bild regnen herab wie die Trauer. Winkelige grüne schimmern im zweiten mit den Strahlen der Möglichkeit. Vertikale rote im dritten pulsieren voller Leidenschaft.

Ossyssek bietet nicht allein die narrative Darstellung zwischenmenschlicher Beziehung, sondern auch eine formale. Er erzählt sie vermittels Farbe und Linie. Was könnten wir nicht alles mit einem Regenbogen anstellen?

— Lori Waxman, 16. Juni 2012, 15.57 Uhr

A trilogy painted by Manfred Ossyssek appears deceptively simple. On three modest square boards of equal size, a man and a woman, not much thicker or more complex than stick figures, present a story of falling in love.

First comes loneliness, then hope, then affection. The people are apart, they approach, they embrace. Their colors change from blue to green to red. So far, so good, so straightforward. But does blue always indicate loneliness? Blue is also the color of calm, and being alone can be a far more serene state than being coupled. Does green always connote hope? Green is also the color of jealousy, an emotion triggered by romantic desire. Red, the color of the heart and of Valentine’s Day, also signals anger, the flow of blood.

Apart from the couple, the bi-color canvases contain only the most basic background elements, but even these reveal more than they seem to at first glance. Vertical blue brushstrokes in the first picture rain down with sadness. Angled green ones in the second shimmer with rays of possibility. Vertical red ones in the third pulse with passion.

Ossysek offers not just a narrative depiction of inter-personal relationships but a formal one, told through color and line. Imagine what he could do with the rainbow.

—Lori Waxman 6/16/12 3:57 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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