60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Manuel Washausen

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

In China lässt sich alles billig herstellen, oder zumindest beinahe alles. Manuel Washausen testet zurzeit die Grenzen dieses globalen Produktionsparadigmas aus, indem er es mit der staatlichen Zensur zusammenprallen lässt.

Nach einem Vertrag mit einer deutschen Firma, wird ein Bild nach Washausens Vorgabe von einem anonymen chinesischen Künstler handgemalt und dann zum Discountpreis von 180 Euro (Versand inklusive) verkauft. Dass ein Künstler aus dem Westen die Produktion seines Schaffens outsourct ist nicht Neues. Doch in diesem Fall lässt sich die Neuheit im Inhalt des Kunstwerks finden: Es handelt sich um einen Screenshot, der eine Google-Bildsuche zum Stichwort „tiananmen square“ zeigt. Auf der Browserleiste sind zusätzlich geöffnete Tabs zu sehen, die sich auf den palästinischen Kurator Jack Persekian beziehen, dann lässt sich der Titel „Laden“ lesen (was sich vielleicht – bedenkt man die politische Ausrichtung des am Bildschirm gezeigten Materials – auf Bin Laden bezieht) und weitere, deren Bedeutung ich nicht erkenne und die ich im Augenblick auch nicht googeln kann.

Die Dreistigkeit von Washausens Geste hat nichts mit den Themenstellungen Originalität oder Reproduktion zu tun. Vielmehr geht es darum, dass politische Gegebenheiten, wie die Vorkommnisse auf dem Tiananmen Platz oder solche neueren Datums, wie zum Beispiel die Sache Ai Wei Weis, bei Google China auf radikal andere Weise dargestellt werden. Was wird dem chinesischen Hersteller im Gedächtnis bleiben, wenn er angeworben wird, nun ein solches Bild zu malen?

Wird das Bild selbst einige dieser bestehenden Unterschiede aufweisen? Und schließlich – wird einem solchen Bild überhaupt die Ausreise aus China nach Deutschland gelingen, wo es im September ausgestellt werden soll, nachdem es also alle Register der Zensur durchlaufen hat – persönliche, unternehmerische und staatliche?

— Lori Waxman, 21. Juli 2012, 17.06 Uhr

Anything can be made cheaply in China, or at least almost anything. Manuel Washausen is currently testing the limits of this global manufacturing paradigm by colliding it with state censorship.

Having contracted with a German company, an image of Washausen’s design is being hand-painted by an anonymous Chinese artist for the discounted price of 180 Euros, shipping included. A Western artist outsourcing the production of his artwork is not new, but what is new here is the content of that artwork: a screen shot of Washausen’s computer showing a Google search on the topic “tiananmen square,” plus tabs on the Palestinian curator Jack Persekian, something called “Laden” (which given the political nature of the desktop, suggests Bin Laden), and more that I don’t recognize and am not able to Google right now.

The brazenness of Washausen’s gesture has nothing to do with issues of originality and reproduction, but rather with the fact that political situations like those surrounding Tiananmen or, more recently, Ai Wei Wei, are presented in a radically different fashion by Google China. What will register in the mind of the Chinese maker who paints the picture for hire?

Will the picture itself register some of this difference? And, ultimately, will the picture ever really make it out of China and on to Germany, where it is due to be exhibited in September, having made it through every level of censorship, from the personal to the corporate to the governmental?

—Lori Waxman 7/21/12 5:06 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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