60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Many People

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Im Zuge der Eröffnung der dOCUMENTA (13) taten sieben junge Künstler aus Leipzig Buße für die Gefräßigkeit zeitgenössischer Kunst. Als Sühne kleidete sich das Kollektiv – sie nennen sich selbst Many People – in schwarzes Tuch und schleppten eine monolithische, schwarze Pyramide vier Stunden lang durch Kassel. Sie folgten damit der Kulturprozession, die vom Kulturbahnhof zum Königsplatz führt, von dort aus zum Friedrichsplatz und wieder zurück zum Kulturbahnhof.

Der Führer dieser Kultgemeinde, eine korpulente Person, fein herausgeputzt in Frack und weißen Handschuhen, sprach zu den Fußgängern mittels einer digitalen Projektion, die aus dem Inneren dieser triangulären Black Box kam. „Deutsches Schwein“ flüsterte es, dann wurden diese Worte gegrollt, dann gebrüllt, dann wieder geflüstert. Gleichzeitig wühlte er in einem gigantischen Haufen aus Wiener Würstchen, knusprigen Schnitzel, blassen Koteletts, schmieriger Leberwurst, brauner Blutwurst und anderem Schweinezeug. Übelkeit erregendes Malmen und Gurgeln, verursacht von Kaugeräuschen, war zu hören und unterbrach diese immer wiederholten Worte, die sich zum einen buchstäblich auf das bezogen, was gegessen wird, zum andern aber auch metaphorisch auf eine deutsche Personen abzielt, die man gar nicht schätzt. Der Völler aus dem Video blieb dabei wechselweise gelassen, spielte dann mit den Nahrungsmitteln herum, schwitzte unter seinem Make-up und kotzte. Der dabei erzielte Effekt war weder feinsinnig noch erfreulich anzusehen, doch das war auch nicht beabsichtigt.

Werbung für die dOCUMENTA (13) war das mitnichten und ebenso wenig für ihre vielen Imbissstände, die Biobratwurst feilbieten. Völlerei ist eine Sünde und die Buße dafür eine üble Sache. Glücklicherweise haben es die Many People für uns übernommen, Jesus zu spielen – und das auch noch in Pinguin Kostümen.

— Lori Waxman, 2. Juli 2012, 16.12 Uhr

During the public opening of dOCUMENTA (13), seven young artists from Leipzig did penance for the gluttony of contemporary art. In atonement the collaborative, who call themselves Many People, dressed in dark garb and dragged a monolithic black pyramid around Kassel for four hours, following a cultural procession that led from the Kulturbahnhof to Königsplatz to Friedrichsplatz and back to the Kulturbahnhof.

The leader of their cult, an obese creature primly dressed in tuxedo and white gloves, addressed pedestrians from a digital projection housed inside the black box-cum-triangle. “Deutsches Schwein,” it whispered, then growled, then cried, then whispered again, while digging in to a mountainous pile of giant frankfurters, crispy schnitzels, pale pork chops, squishy liverwurst, browned blutwurst, and more. Nauseating crunches and gurgles of mastication punctuated the repeated phrase, which refers literally to stuff you eat (German pork) and metaphorically to a person you’d want to avoid (a German pig). The video gourmand alternately maintained composure, played with its food, sweated of its makeup, and vomited. The effect was neither subtle nor pleasant, nor was it intended as such.

An advertisement for dOCUMENTA (13), or its many food vendors and their organic bratwursts, this was not. Gluttony is a sin, and penance isn’t pretty. Luckily for the rest of us, Many People are willing to play Jesus, and in a monkey suit at that.

—Lori Waxman 7/2/12 4:12 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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