60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marcel Prins

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wäre Duchamps mit seinem nicht unwesentlichen Sinn für Humor etwas freizügiger umgegangen, dann hätten seine Readymades wohl ein wenig mehr denjenigen von Marcel Prins geglichen. Hätte Brancusi überhaupt irgendwelchen Sinn für Humor besessen, dann könnte das auch für dessen totemistische Kombinationen aus rohem Material und kraftvollen Formen gelten.

Der niederländische Künstler Prins fügt Walknochen, Holzstücke, Spazierstöcke, Drahtkörbe und leere Weinkisten zu Skulpturen zusammen, die wie freche Nachkommen der modernen Meister aussehen und sich auch so verhalten. Durch ihren witzigen Sinn fürs Spielerische und ausgestattet mit einer exzellenten Formensprache sind sie ehrlich. Prins weiß ein perfektes Straußenei aus Holz genauso zu würdigen, wie jeder andere auch, doch er verfügt über den zeitgenössischen Grips, ein solches nicht auf einem Sockel aus Marmor zu platzieren, sondern auf einem wackeligen Stapel seltsam geformten Bauholzes. Für seine Skulptur einer Kuh, die keine Milch mehr gibt, reicht ihm die einfallsreichere Verwendung eines zugeschnittenen Besenstiels, Leisten für einen Holzboden, eine Stuhllehne, die Platte eines metallenen Kaffeehaustisches und ein kleiner Hocker.

Picassos Stierkopf aus Fahrradsattel und Lenker würde da gleich ein zweites Mal hinschauen.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 17.14 Uhr

If Duchamp had been a bit more generous with his not insubstantial sense of humor, his ready-mades might have looked a bit more like those of Marcel Prins. If Brancusi had had a sense of humor at all, then his totemic combinations of raw materials and potent shapes might have as well.

The Dutch artist Prins assembles whale bones, wood bits, walking sticks, wire baskets and empty wine cases into sculptures that look and act like naughty descendants of the modern masters. In that, they come by their witty sense of play and excellent sense of form honestly. Prins appreciates a perfect wooden ostrich egg as seriously as anyone, but he has the contemporary gumption to balance it not atop a marble plinth but instead on a shaky stack of oddly shaped timber. As for his sculpture of a cow who has run out of milk, it might just be one of the more inventive uses of a cut-up broom stick, wood floor slats, a chair back, a metal coffee table base and a little stool.

Picasso’s bicycle seat bull would have given it a second look.

—Lori Waxman 7/14/12 5:14 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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