60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marianne Dittrich

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Man stelle sich fünf planlose junge Menschen und einen nicht berufsmäßigen Berater vor, die um einen kleinen Tisch herum stehen, auf den man eine Leinwand gelegt hat.

Mit Farbe und dem Pinsel in der Hand geht man nun ohne jede bestimmte Absicht an die Leinwand heran, tropft ein wenig Farbe hierhin, ein anderer bringt ein wenig Glitter dort an und ein dritter schüttet getrocknete Rosenblüten darüber. Grün trifft auf Gelb, welches wiederum auf Blau trifft. Und anschließend wird das ganze mit einer Schicht Schwarz schlammig gemacht.

Das klingt ziemlich nach Chaos und ist es auch – doch das ist auch ganz in Ordnung so und auf einzigartige Weise ehrlich. Es könnte sogar nützlich sein. Dieses Bild und andere ähnlicher Art sind die Vision von Marianne Dittrich, einer neugierigen Frau um die zwanzig aus Kassel, die davon überzeugt ist, viele Dinge aus erster Hand erleben zu müssen. Liegen die Bilder horizontal, dann sind sie sehr ansprechend, denn ihre Position ist jetzt dieselbe wie bei ihrer Herstellung. So werden sie auch durch die imaginierte Erinnerung junger Menschen lebendig, die viel schlimmere Dinge zu tun haben als ein Bild zu malen, während sie genau das machen – ein Bild malen.

Die Process Art Bewegung hat gelehrt, dass die Arbeit, die in die Schaffung eines Kunstwerkes einfließt, weit wichtiger sein kann als ihr Endergebnis. Eine solche Lektion wird leicht vergessen, wenn man Malerei betrachtet, doch sie verdient Beachtung, besonders dann, wenn diejenigen, die sie gemacht haben es aus anderen als Gründen des ästhetischen Experimentierens oder darstellerischer Genauigkeit taten und auch kein Kommentar zur Kunstgeschichte abgeben wollten.

— Lori Waxman, 4. Juli 2012, 17.37 Uhr

Imagine five aimless youths and one nonprofessional counselor standing around a small table on which a canvas has been laid.

Paint and brush in hand, they go at the canvas without any plan, one dripping paint here, another adding glitter there, a third tossing dried rose blooms everywhere. Green meets yellow meets blue, and the whole gets muddied in a layer of black.

It sounds like a mess, and it is—and this is both absolutely fine and uniquely honest. It might even be useful. The painting and another like it are the vision of Marianne Dittrich, a curious twenty-something Kasselite who believes in experiencing many things firsthand. They are most appealing laid out horizontally, when their position recalls their making, and they come alive with the imagined memory of young people who have far worse things to do than paint a picture doing just that, painting a picture.

The Process Art movement taught us that the work that goes into making an artwork can be even more important than the final result. This lesson can be easy to forget when looking at painting, but it bears remembering, especially when those who did the making did it for reasons other than aesthetic experimentation or representational accuracy or art historical commentary.

— Lori Waxman 7/4/12 5:37 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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