60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marianne Weichselbaumer

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Die meisten Fotografien funktionieren am Besten, wenn sie Bestandteil einer Serie sind. Das hat seinen Grund darin, dass ein Bild nicht mehr als tausend Worte sagt, ganz im Gegensatz zum Klischee, das man sich von ihm gemacht hat.

Manchmal jedoch vermag eine einzelnes Fotografie ganz für sich allein zu stehen. Marianne Weichselbaumers Aufnahme ihres Hundes Brutus ist, entgegen aller Erwartungen, ein solches Bild. (Die Erwartungen speisen sich aus dem vorher genannten Klischee, der Tatsache, dass Weichselbaumer zur Zeit der Aufnahme achtzehn Jahre alt war und vielleicht am wesentlichsten aus der Tatsache, dass es sich bei ihrem Motiv um ein Familienhaustier handelt.) Zwei Faktoren erklären, warum diese Fotografie eine gelungene ist. Zuerst einmal gibt es hier eine Magie der Schatten, die sich auf wundersame Weise zeigt, wenn etwas, das eigentlich klein ist, plötzlich groß erscheint. (Brutus ist ein winziger Pinscher, der in eine Schultertasche passen würde. Das gilt aber nicht für seinen Schatten, der beinahe dreimal so groß wie er selbst ist.) Zum zweiten ist überraschend, dass wir es hier mit einem Bild zu tun haben, das keine offensichtliche Orientierung zulässt. Weichselbaumer gelingt dies dadurch, dass sie ihr zweiköpfiges Motiv von oben her fotografiert, was zu einer Gesamtansicht führt, welche die Vektoren des Gehwegs in jede Richtung auseinander laufen lässt.

Eins plus zwei ergibt in diesem Fall ein Bilderrätsel, das der Betrachter erst lösen muss und für das es glücklicherweise nicht nur eine einzige richtige Antwort gibt.

— Lori Waxman, 15. September 2012, 16.53 Uhr

Most photographs work best in series. This is because a photograph typically does not tell a thousand words, notwithstanding the cliché.

Sometimes, however, a single photograph can stand utterly on its own. Marianne Weichselbaumer’s picture of her dog Brutus is one such image, despite the odds. (The odds being the above cliché, the fact that Weichselbaumer was eighteen when she took the photo and, perhaps most importantly, the fact that its subject is the family pet.) Two factors explain the photograph’s success. First is the inherent magic of shadows, revealed here in the marvelous way that something small can become big. (Brutus, being a miniature pinscher, would fit in your shoulder bag, but not his shadow, with stretches nearly three times his length.) Second is the surprise of an image with no obvious orientation. Weichselbaumer achieves this by shooting her two-headed subject from above, creating an all-over composition with sidewalk vectors pointing in every direction.

One plus two together equals an image puzzle, which the viewer is tasked to figure out, and which fortunately has no single right answer.

—Lori Waxman 9/15/12 4:53 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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