60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marie Koska

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Man sagt von Michelangelo, er habe seine Formen schon in den Stein eingelassen gesehen und ihnen dann nur noch geholfen hervorzutreten. Und wenn es vielleicht auch nicht die beste Idee ist, einen Gott imitieren zu wollen, so hat in diesem Fall Michelangelo doch den Bildhauern ein gutes Beispiel an die Hand gegeben. Marie Koska folgt diesem und entdeckt Vögel und Burgen, Buchstaben und Figuren, ja sogar abstrakte Konzepte in einfachen Stücken von Sandstein.

Wer hätte geahnt, dass Sandstein, dieser leicht zu bearbeitende und allgemein vertraute Stein, über derartige Schattierungen und Formen verfügt? Koska hat hier das Beste herausgeholt und mit Sensibilität und Einbildungskraft gearbeitet, als sie das Profil eines Mannes als raue Kante eines blass rosafarbenen Steines hervortreten sah, der graue Einsprengsel aufwies und einen jungen Vogel in einem fedrigen weißen, der mit Schwarz bespritzt zu sein scheint. Nachdem sie mehrere Gesichter in verschiedenen Stilen gemeißelt hatte, und dabei alle notwendigen Körperteile an der passenden Stelle platzierte, wagte sich Koska vor und ließ Augen, Nase, Ohren und Mund weg. Indem sie auf die Rauheit und die Welligkeit vertraute, die für Haare stehen und auf die Glätte, wenn es um die Haut geht, stellt ihr „Head of a Girl“ modernistische Fragen bezüglich Reduktion von Form und Abstraktion der Natur.

Das sind gute Fragen, auf die es keine endgültigen Antworten gibt, und sie liefern Koska viele weitere Möglichkeiten, sich jeweils aufs Neue einem weiteren Stück Stein zu widmen, den sie findet – doch auf gewisse Weise sind es auch die Steine, die sie finden.

— Lori Waxman, 20. August 2012, 16.46 Uhr

Michelangelo was said to have found his forms encased in stone, and to have helped them emerge. And though it is perhaps inadvisable to try to imitate a god, in this case Michelangelo set a fine example for any sculptor to follow. Marie Koska has proceeded accordingly, discovering birds and castles, letters and figures, even abstract concepts in modest pieces of sandstone.

Who knew that sandstone, that pliable, familiar rock, came in such striking shades and patterns? Koska has made the best of it, working with both sensitivity and imagination, seeing a man’s profile in the rough edge of a pale pink stone stubbled with gray, and a young bird in a feathery white one, dabbled with black. After carving a number of faces in different styles, all with their necessary parts in place, Koska dared to leave eyes, nose, ears and mouth behind. Trusting in roughness and waviness to connote hair, in smoothness to mean skin, her “Head of a Girl” asks modernist questions about the reduction of form and the abstraction of nature.

These are good questions with no right answers, and they ought to provide Koska with many more ways to approach each piece of stone that she finds—and that, in some sense, finds her.

—Lori Waxman 8/20/12 4:46 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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