60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marijke Vissia

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Es war einmal eine Welt, in der lebten Kreaturen, halb Mensch, halb Tier. Eine von ihnen konnte auf zwei Beinen aufrecht gehen wie ein Mensch, doch sie hörte, sah und roch wie eine Antilope. Eine andere wiederum kleidete sich mit einem eleganten Anzug, der auserlesene Nadelstreifen von türkiser Farbe besaß, doch ihr Gesicht war das einer Katze mit Schnurrhaaren, wie man sie auf den Katzenfutterdosen findet.

Wohin sind diese mythischen Wesen verschwunden, jetzt, da man die alten dunklen Wälder der Märchen abgeholzt hat? Marijke Vissia hat sie wiederentdeckt und ihnen ein sicheres, neues und vollkommen zeitgenössisches Heim geschaffen – sie leben jetzt in ihrem kaputten iPhone.

Zuerst hat Vissia sie mit Acrylfarbe auf schwarzem Papier skizziert und ihnen so neues Leben eingehaucht, dann wurden sie eingescannt und erstrahlen nun vor dem dunklen Hintergrund des Bildschirms in höllischem Orange. Hier wohnt jetzt die Spinnenmutter mit ihrem Kind, eine kränkliche Nymphe, ein spitz-ohriger Goblin und viele andere edle Bestien. Sie werden von Vissia sorgsam gehütet und sind stets bei ihr, wohin immer sie auch geht.

Will man sie fühlen und tut das mit den jetzt allgemein vertrauten Fingerstrichen, dann fühlt sich das auf sehr wesentliche Weise falsch an. Denn man erkennt, in welchem Maße die alten Mysterien aus unserer Zeit verschwunden sind. Doch ebenso wird dabei deutlich, wodurch sie ersetzt wurden.

— Lori Waxman, 2. Juli 2012, 16.47 Uhr

Once upon a time, the world was populated by creatures, part man, part beast. One might walk upright like a human on two legs but hear, see, smell and eat from the head of an antelope. Another might dress in a dapper suit of finest turquoise pinstripes but wear a cat’s whiskered visage above its natty lapels.

Where have these mythological beings gone, now that the dark forests of the oldest fairy tales have been cut down? Rediscovered by Marijke Vissia, they have found a safe, new and utterly contemporary home in her broken iPhone.

Vissia first sketched them new lives in acrylic on black paper, then scanned them into her device, where they now glower out from a dark screen in hellish shades of orange. Here live a spider-mother and child, a sickly nymph, a pointy-eared goblin, and many peculiar other beasties, lovingly cared for by Vissia and carried everywhere by her. Viewing them with a familiar swipe of the finger is easy enough but also feels importantly wrong, an acknowledgement of just how diminished those ancient mysteries have in contemporary times become. And, as well, a vivid display of what’s replaced them.

—Lori Waxman 7/2/12 4:47 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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