60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marion Winter

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Eine Mischung aus Matisse und Cézanne kann zu verschiedenartigen Ergebnissen führen. Knallige, blockartige Landschaften ... sinnliche aschfahle Frauen ... oder, abwechslungsweise, die Landschafts-Frauen, die das Motiv von Marion Winters Acrylmalerei sind. Die Farbpalette und die Schönheit stammt von Matisse, die skizzenhaften, fragmentierten Landschaften stammen von Cézanne, doch die Kombination ist allein das Werk von Winter.

Zuweilen ist die Gegend eine ausgedachte, zuweilen sind es die Frauen. Zuweilen kennt man die Gegend und zuweilen auch die Frauen. Es mag sich um Fukushima nach der Katastrophe handeln oder um Rügen nach der Wiedervereinigung, um die ermordetet russische Journalistin Anna Politkowskaja oder um eine unbekannte, väterliche Urgroßmutter. Oder etwas ist zur Gänze erfunden, wenn wir auch wissen, dass sich die Produkte der Fantasie aus dem speisen, was wir bereits wissen. Und diese wissen weit mehr, als uns bewusst ist, denn sie sind der Kunst und der Literatur ausgesetzt, den Nachrichtenkanälen unserer Nächte und dem Leben unserer Freunde und Familien.

Marion Winters Einbildungskraft weiß genug, um in die Lage versetzt zu sein, bewegende Portraits von bedrückten Frauen zu malen, deren Augen dunkel sind und die in einem Land leben, das sie selbst nicht einmal besucht hat.

— Lori Waxman, 16. Juli 2012, 17.17 Uhr

A cross between Matisse and Cézanne could go many ways. Jazzy, blocky landscapes…voluptuous, ashen women…or, alternately, the landscape-women that are the subject of Marion Winter’s acrylic paintings. The palette and beauty are Matisse’s, the sketchy, fragmented landscapes are Cézanne’s, but the combination is Winter’s own.

Sometimes the scenery is imagined, and sometimes the women. Sometimes the scenery is known, and sometimes the women. It might be post-disaster Fukushima or post-reunification Rügen, the murdered Russian journalist Anna Politkowskaja or an unknown paternal great-grandmother. Or something completely invented, though imaginations are known to concoct what they do out of what they already know. And they know much more than we are consciously aware of, through exposure to art and literature, the nightly news, and the lives of friends and family.

Marion Winter’s imagination knows enough to be able to paint moving portraits of despondent women, their eyes dark, who live in a land she’s never even visited.

— Lori Waxman 7/16/12 5:17

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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