60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Marlis Kuhn

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Marlis Kuhn malt abstrakte Bilder, die man nicht nur sehr genau aus der Nähe betrachten sollte, sondern sehr, sehr genau. Ich meine damit, dass der interessierte Betrachter sich so nah als möglich der Oberfläche der Leinwand nähern sollte, so dass er oder sie die vielen konzentrischen Kreise zu Gesicht bekommt, die unter den feurigen Wellen von Rot, Grün und Orange auf einem Diptychon ohne Titel verborgen liegen. Oder die zerklüftete Maserung, die unter dem grasigen, winddurchtosten Strom einer anderen Komposition ohne Titel liegt, und die im Begriff steht, an die Oberfläche durchzubrechen. (In diesem Fall steht Kuhn dem kleinmütigen Betrachter hilfreich zur Seite, wenn sie gewisse Perforationen akzentuiert, indem sie Kleckse mitternachtsblauer Farbe setzt, tintenfarbig, doch nicht ganz schwarz, die sich von der wallenden Landschaft abheben.)

Eine solche nähere Betrachtung kann auch enttäuschen, dann etwa, wenn man herausfindet, dass die Schicht eines dritten Bildes nicht konsistent bleibt, wenn durchscheinende Bänder in Rot, Gelb, Blau und Grün vollständig, jedoch zu leicht aufgetragen wurden, auf dass das Nebeneinander zwar erstaunliche Effekte zeitigt, die aber der relativ klobigen Beigabe von zwei dick aufgetragenen Ovalen aus Gold unverträglich gegenüberstehen. Was für eine Ironie aber, wenn man von diesem letzten Gemälde zurücktritt und feststellen muss, dass eines dieser Ovale auch ein Auge ist.

— Lori Waxman, 12. September 2012, 15.13 Uhr

Marlis Kuhn paints abstract pictures that reward not just close looking but very, very close looking. By this I mean that the interested viewer ought to get so near to the surface of the canvas that she or he can notice the many concentric circles buried under fiery waves of red, green and orange paint in an untitled diptych. Or the craggy texture clustered under and just breaking through the grassy, windy sweep of another untitled composition. (Here, Kuhn helps out the timid viewer, accentuating moments of perforation with dabs of midnight blue paint, inky but not quite black against the swirling landscape.)

Such close looking can also disappoint, as when the layering of a third picture turns out to lack consistency, with translucent bands of red, yellow, blue and green applied in full but lightly, their juxtaposition producing striking effects irreconcilable with the relatively clunky addition of two thick gold ovals. What an irony, then, to step back from this last canvas and realize that one of the ovals is also an eye.

—Lori Waxman 9/12/12 3:13 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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