60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Martin Nielaba

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Stellt man sich ein Zwischending von Gerhard Richter und den Futuristen vor und fügt dem noch einige ganz besondere Lacktechniken hinzu, dann ist man etwa in einer Entfernung von ein paar Kilometern bei der glänzenden Malerei von Martin Nielaba angelangt.

Man vergesse die Obsession der Futuristen mit der Geschwindigkeit und Richters archivarische Zwänge, doch nichtsdestotrotz geht es auch hier um Bewegung und Abstraktion.

Nielaba ist ein Hexenmeister mit dem Pinsel und schafft hypnotisierende, fantastisch monochrome Kompositionen, wobei Komplexität mit Totalität in einem Maße einhergeht, dass er dafür den Begriff „fraktale Abstraktion“ geprägt hat. Im Grunde genommen erregen sie Interesse, weil sie einem Paradox gehorchen: Obgleich sie zur Gänze handgemacht sind, lassen sie sich doch wie fotografische Arbeiten lesen. Obgleich sie zutiefst strukturiert scheinen, löst sich ihre Oberfläche doch zur bruchlos flachen Ausdehnung.

Obgleich zuweilen auch die Form eines Pferdes in ihrer Mitte heraufdrängt, so scheren sie sich doch keinen Deut um die Grundsätze des Illustrativen, sondern sind ausschließlich um die der Bewegung bekümmert. Doch in diesem Sinne darf man sagen, dass sich auch Richter nicht für die meisten Motive interessiert, die er darstellt. Man muss schon ganz genau über die Oberfläche hinweg sehen, um zeitgenössische Bilder zu verstehen.

— Lori Waxman, 20. Juni 2012, 16.42 Uhr

Imagine a cross between Gerhard Richter and the Futurists, add in some proprietary lacquer techniques, and you might come somewhere within a few miles of the glossy paintings of Martin Nielaba. Never mind the Futurist obsession with technology or Richter’s archival compulsion, however—this is about movement and abstraction.

Nielaba is a wizard with a brush, creating mesmerizingly deft monochromatic compositions whose complexity is so at one with their totality that he’s coined the term “fractal abstraction” to describe them. Their interest, ultimately, stems from paradox: Though entirely handmade, they read as photographic. Though they look deeply textured, their surface resolves into a seamlessly flat expanse.

Though occasionally a form like a horse appears in their midst, they care not a whit for the principles of illustration but only for those of motion. But then, Richter can’t really be said to care for most of the subjects that he depicts either. You have to see well beyond the surface to understand contemporary pictures.

—Lori Waxman 6/20/12 4:42 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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