60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Martina Günther

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

In der Mitte einer einfachen Gemäldes von Martina Günther dreht sich eine Frau wild im Kreis. Ihre scharlachfarbenen Röcke wirbeln um sie herum hoch, werden unter kadmiumroten, violetten, blassblauen und braungrauen Strichen lebendig. Ihre Arme biegen und öffnen sich, ziehen die Welt mit sich, unmissverständlich mit den breiten weißen Hemdsärmeln. Ihre Hände erscheinen nur unter ein paar wenigen Tupfern der Farbe des Fleisches zu entstehen. Das Haar weht ihr hinterher, eine dicke, flackernde, braune Mähne, in Kastanienbraun und Gold. Der Hintergrund, vor dem sie tanzt, verschwimmt in feurig-dunstigem Gelb, Türkis und Hellgrün.

Alles hier ist prächtige, kraftvolle Bewegung – mit Ausnahe des Kopfes der Tänzerin. Er ist scharf umrissen und detailliert dargestellt, er ist das Auge des Orkans, stabile Kernform, aus der die Energie austritt. Er gleicht auch sehr gut dem Kopf der Schwester der Künstlerin, die nicht tanzt, doch für die dieses Bild ein Geschenk war. Ist es also ein Portrait, oder imaginierende Projektion oder – höchstwahrscheinlich – irgendetwas dazwischen? Nur die Dargestellte und die Künstlerin selbst werden das ganz genau wissen, alle anderen können sich derweil der seltenen Aufgabe widmen über jemanden nachzusinnen, der sich gleichzeitig ganz unter Kontrolle hat und diese doch völlig verloren.

— Lori Waxman, 6. August 2012, 16.36 Uhr

At the center of a modest canvas by Martina Günther a woman whirls fiercely. Her scarlet skirts rise voluminously around her, alive with strokes of cadmium red, violet, pale blue and taupe. Her arms bend and open, pulling the world around with them, unmistakable in bright white shirtsleeves. Her hands appear with just a few touches of fleshy paint. Her hair trails behind her, a thick, flickering mane of brown, maroon and gold. The background against which she dances blurs into a heady haze of lime, turquoise and chartreuse.

Everything is in glorious, forceful movement here—except for the dancer’s head. Sharply outlined and attentively detailed, she is the eye of the storm, a stable nucleus from which energy emanates. She is also a very good likeness of the artist’s sister, who does not dance, and for whom the painting was a gift. Is it a portrait then, or an imaginary projection, or, most likely, something in between? Only the subject and the artist will know for sure; the rest of us can content ourselves with the rare treat of contemplating someone who is simultaneously in and out of control.

—Lori Waxman 8/6/12 4:36 PM

Lesen Sie auch

Liste aller Kunstkritiken von Lori Waxmann

 

Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.