60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Martina Stuber

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

In seinem Film Blow-Up aus dem Jahre 1966 folgt Michelangelo Antonioni den obsessiven Versuchen eines Fotografen, der glaubt durch die beständige Vergrößerung eines Fotos, ein Geheimnis lüften zu können. Das gelingt ihm selbstverständlich nicht, denn nahe an etwas heranzukommen bedeutet nicht zwangsläufig auch es zu verstehen.

Mit ihren mikroskopischen Ansichten tropischer Pflanzen unternimmt Martina Stuber etwas Ähnliches. Ihre Aufnahmen von Palmen und Agaven sind aus einer solchen Nähe aufgenommen, dass die Motive ihre Erkennbarkeit als Pflanzen verlieren und zu etwas weitaus Mehrdeutigerem werden, so gar auf falsche Fährten locken. Die dornigen Rippen eines Kaktus kristallisieren zu dunklen, eisigen Flüssen.

Fünf dicke, taufeuchte Kakteen verbinden sich gleich der Falte an der Stelle, wo eine fleischige Hüfte auf einen runden Bauch trifft. Die bleichen Blattwedel einer Palme öffnen sich gleich grauem Haar, das den Blick auf die Haut darunter freigibt. Dass Blumen mit menschlichen Körperteilen in Zusammenhang gebracht werden ist nicht neu, doch selten geschieht dies auf so beunruhigende Weise. Stuber glaubt, im Unterschied zu anderen Fotografen, die ein Zoom einsetzen, nicht daran, dass man näher an eine Wahrheit herankommt, je näher man seinem Gegenstand kommt.

Ganz im Gegenteil: Kommt man einem Gegenstand zu nahe, so kann das den völligen Zusammenbruch der Kommunikation und des Verstehens bedeuten. Und das gilt sogar für das Sehen selbst – man betrachte die Pixel der Baumrinde und des Kaktus, wenn man sie denn erkennen kann.

— Lori Waxman, 7. Juli 2012, 14.12 Uhr

In his 1966 film Blow-Up, Michelangelo Antonioni follows the obsessive undertakings of a photographer, who believes that by enlarging and enlarging a photograph, he will solve a mystery. He doesn’t, of course, because closeness doesn’t necessarily equal knowledge.

Martina Stuber explores something similar in her microscopic views of tropical plants. Her photographs of palms and agave are shot at such close range that the subjects lose their identity as flora and become something far more ambiguous, even misleading.

The spiny ribs of a cactus crystallize into dark, icy rivers; five thick, dewy cactus stems join like the crease where fleshy thigh meets round belly; the pale fronds of a palm tree part like scraggly grey hair revealing raw skin underneath. The bodily connotations of flowers are nothing new, but rarely are they so unsettling. Stuber, unlike most photographers who use a zoom lens, does not believe that the nearer one gets to a subject, the nearer one gets to some truth.

On the contrary, getting too close can mean a total breakdown of communication and understanding. And even vision—witness the pixelation of tree bark and cactus stem, if you can identify them.

— Lori Waxman 7/7/12 2:12 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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