60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Dan Meththananda

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Was ist Dan Meththananda? Der scheint ganz umgänglich zu sein, da er sich als der geniale, wortgewandte und intelligente junge Mann gibt, der er in Wahrheit anscheinend auch ist.

Was ist eine total andere Geschichte (oder was sind viele total andere Geschichten), wovon manche so unbändig sind, dass sie klingen, als ob sie der Schriftsteller Kevin Wilson ersonnen hätte, der erst kürzlich einen Roman mit dem Titel „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung“ veröffentlichte, worin es um eine verheiratetes Paar geht, dass ihre Kinder A und B nennt und mit erstaunlichem Erfolg in sehr glaubhaften Arbeiten innerhalb der Performance Arts einzusetzen weiß.

Nachdem er seinen Abschluss in Mathematik und Verhaltensökonomie an zwei sehr guten Universitäten gemacht hat, besuchte Meththananda eine französische Wirtschaftshochschule und verließ diese wieder, was für ihn ein Kunstprojekt darstellte, ganz im Sinne Warhols, der davon gesprochen hat, dass „gute Geschäft die beste Kunst“ seien. Anschließend besuchte er dann eine französische Kunsthochschule, wobei er sich selbst zum weißen Mann machte, ist er doch in der Tat eher sehr braun. Ein Künstlerfreund hatte ihm gesagt, dass seine ethnische Herkunft der Grund wäre, dass sein Kunstschaffen auch „Kunst“ sei.

Die weitschweifigen Geschichten nehmen kein Ende und verbunden damit sind vielerlei Fragen: Fälschung versus Performance, Amateur versus Professioneller, Genie versus gelehrter Narr, Kunst versus strotzendes Leben. Würde Beckett noch leben, hätte er vielleicht Meththanandas Autobiografie geschrieben, noch ehe dieser das selbst zu Wege gebracht hätte.

— Lori Waxman, 20. Juni 2012, 18.00 Uhr

What is Dan Meththananda? Who is not so difficult, since he presents himself as the genial, articulate, intelligent young man that he seems in fact to be. What is an entirely different story, or many stories, some so wildly conceptual they sound as if they must have been fictionalized by the writer Kevin Wilson, who recently published “The Family Fang” about a married couple who named their children A and B and used them to extraordinary success in very believable works of performance art. After earning degrees in Mathematics and Behavioral Economics from two very good universities, Meththananda entered and left a French business school as a work of art, based on Warhol’s notion that “Good business is the best art.” He then entered a French art school by making himself up as a white man, because he is in fact very brown and was told by an artist friend that his ethnic identity was what determined his artwork as “art.” The circuitously fascinating stories continue on, and questions of fakery versus performance, amateur versus professional, genius versus idiot savant, art versus life abound. If Samuel Beckett were still around, he might have written Meththananda’s autobiography before Meththananda himself could do it.

—Lori Waxman 6/20/12 6:00 PM

Lesen Sie auch

Liste aller Kunstkritiken von Lori Waxmann

Rezensionen für jedermann: Lori Waxmans Kunstkritiken in der HNA

 

Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.