60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Michael Zimmer

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Es gibt eine Geschichte der Tanzfotografie, doch was Michael Zimmer hier präsentiert beschreibt man wohl besser mit Tanz für Fotografie.

„Spuren in der Zeit“ fängt in 16 Bildern eine anonyme Amateurperformerin dabei ein, wie sie ein spontan improvisiertes Ballett tanzt. Jede Geste ihres Körpers markiert dabei den Fortgang der Zeit zweifach: Zum einen durch die Abdrücke auf dem mit Mehl bestreuten Boden, zum anderen durch Bewegungsunschärfe in Zimmer’s Langzeitbelichtungen. Bei manchen Aufnahmen geschieht dies mit Witz und Grazie, wie zum Beispiel bei den kreisförmigen Spuren von Fußabdrücken, die eine Uhr darstellen könnten oder bei einem Satz paralleler Streifen, die sich nach vorwärts und nach rückwärts hin verwischen. Andere wiederum enthalten Elemente, die zunächst verwirrend erscheinen – etwa der nackte Torso der Tänzerin oder ihr französisches Nageldesign.

Doch diese persönlichen, körperlichen Details verweisen auf ein unerwartetes Finale, bei welchem die Begegnung der Tänzerin mit der Zeit ins Erotische mündet. Mehl bedeckt ihren Körper und ihr Gesicht; die Zeit hinterlässt ihre Spuren auf ihr.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 16.29 Uhr

There is a history of dance photography, but what Michael Zimmer practices here might better be described as dance for photography.

“Traces in Time” captures an anonymous amateur performer making her way through sixteen movements of an impromptu ballet. Each gesture of her body marks the passing of time twice: once by imprinting itself in a floor covered in white flour and once by blurring itself in Zimmer’s long exposures. Certain images do this with wit and grace, like a circular set of footprints that could be a clock, or a set of parallel striations that confuse backwards and forwards. Others contain elements that at first seem distracting, like the dancer’s nude torso or her French nail polish.

But these personal, corporeal details foreshadow an unexpected finale, in which the performer’s encounter with time turns erotic. Flour covers her body and face; time leaves its mark on her.

—Lori Waxman 8/4/12 4:29 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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