60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Miriam Hartmann-Roesch

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Der epische Kampf innerhalb der Moderne zwischen dem Figurativen und dem Nichtfigurativen wird bei Miriam Hartmann-Roesch neben dem anderen fundamentalen Kreuzzug deutlich, demjenigen, der sich durch den Grundgestus des Christentums zieht.

Wie stellt sich der Ausdruck des Leidens, der Menschlichkeit, des Lebens selbst nachhaltig dar? Durch ein stummes Gerinne von Farbe, das sich zu einer pulsierenden vertikalen Ader aus feurigem Orange, versehen mit einem Rand aus glühendem Schwarz, verdichtet und ausdickt? Oder ist es das rote, gelbe und schwarze Strahlen, aus dem die Vision eines weißen Mannes heraus tritt, seine Hand erhoben, um ein blutiges Stigma zu zeigen?

Hartmann-Roesch, die im Abstrakten genauso gewandt ist wie im Figürlichen, hat bei ersterem angefangen, ist dann jedoch zum letzteren übergegangen, da sie zu dem Schluss kam, dass ein plastischer Streifen nicht genug ist, um eine besondere Botschaft zu übermitteln. Geht man nach der Geschichte – sowohl nach der Kunstgeschichte wie nach der Religionsgeschichte –, dann hat sie damit ebenso recht wie unrecht. Barnett Newmans „Zips“ wurden so interpretiert, dass sie beinahe alles symbolisieren konnten, sowohl die Geburt der Welt, den Menschen selbst oder einfach gar nichts.

Deutlich in ihrer Botschaft sind sie nicht. Doch das sind die Bildwerke der Religion auch nicht, zieht man die Kriege um die Auslegung der Bibel heran.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 16.03 Uhr

The epic modernist struggle between the figurative and the non-figurative plays itself out in Miriam Hartmann-Roesch’s oil paintings alongside that other fundamental crusade, the one recounted as the founding story of Christianity.

Which is the more resonant expression of suffering, of humanity, of life itself? Is it a muted wash of color that clusters and thickens into a pulsing vertical core of fiery orange rimmed in blistering black? Or is it blaze of red, yellow and black from which emerges the vision of a white man, boldly outlined, his hand raised to show a bloody stigmata on his palm?

Hartmann-Roesch, who is as deft with an abstract brush as with a figurative one, began with the former but ended with the latter, having concluded that a vivid stripe was not enough to communicate a specific message. In this she is both right and wrong, according to history—art history as well as religious history. Barnett Newman’s “zips” have been interpreted to symbolize everything from the birth of the world to man himself to nothing at all.

Precise in their message they are not. But then, neither is religious imagery, if the wars of Biblical interpretation are to be headed.

— Lori Waxman 7/14/12 4:03 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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