60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Miro Ruff

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Politische Portraits stellen für gewöhnlich die auf ihnen Abgebildeten als Persönlichkeiten dar, die mit großer Macht und Festigkeit ausgestattet sind. Miro Ruffs Radierung von Julia Timoschenko, die im Zeitraum von 2007 bis 2012 Regierungschefin der Ukraine war, tut das mitnichten.

Auf dem kleinen Bild, das den Titel „J.T.“ trägt, erscheint die einfache Skizze einer Frau und verschwindet wieder hinter einer Oberfläche aus schwarzen und roséfarbenen Flecken. Die dünnen Linien ihres Haares, ihrer Augenbrauen und Wimpern, die dunklen Schatten auf ihren Wangen, blass im Vergleich zu der sich wie Schimmelbefall ausweitenden, satten Tinte. Ruff erzielte diesen Effekt, indem er die Radierung von Timoschenkos Gesicht druckte, ohne die Tinte der vorhergehenden Pressungen zu entfernen. Das ist ein gespenstisches und passendes Portrait einer Frau, die während der Orangenen Revolution an die Macht kam und dann nach falschen Beschuldigungen von ihrem Vorgänger in Gefängnis gebracht wurde, der einen künstlichen Skandal inszenierte, bei dem es auch um Absprachen hinsichtlich des Erdgaspreises ging.

Man kann nur hoffen, dass sie schon bald all diese Anschwärzungen hinter sich lassen und wieder auf der Bildfläche erscheinen wird.

— Lori Waxman, 25. Juli 2012, 17.03 Uhr

 

Political portraits traditionally convey their subjects as figure of great power and solidity. Miro Ruff’s etching of Yulia Tymoshenko, who was the Prime Minister of Ukraine from 2007 to 2010, does not do this.

In “J.T.,” as the small picture is called, the simply sketched face of a woman appears and disappears behind a surface of black and rose blotches. The fine lines of her hair, eyebrows and lashes, the dark shadow in her cheeks, pale against the mildewy spread of saturated ink. Ruff achieved this effect by printing the etching of Tymoshenko’s visage without wiping off all the ink of previous pressings. It’s a haunting, if fitting, portrayal of a woman who, having come to power during the Orange Revolution, has been falsely imprisoned by her successor under a fabricated scandal involving gas pricing.

One hopes she will emerge soon, from behind the stain.

—Lori Waxman 7/25/12 5:03 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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