60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Mona Jasmin Auth

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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In „Mother“, einem Gemälde von Mona Jasmin Auth, streckt eine schicke Frau mit krausem rotem Haar ihren Kopf aus einem langen Stiefel heraus. Sie trägt eine schwarze Federboa und einen dunkelgrünen Schal aus Pelz. Der Stiefel steht in einer Landschaft, die Hundertwasser gemalt haben könnte, doch das Gesicht ist die gut beobachtete Darstellung des Gesichts der Mutter der Künstlerin. Das Mischen von Stilen und die Anleihen, die bei diesen genommen werden, nennt man postmodern und als Studentin der Literaturwissenschaften an einer Universität ist ihr dieser Begriff mittlerweile gewiss vertraut.

Doch vielleicht kannte sie ihn noch nicht, als sie dieses Bild 2010 malte und es ist sogar noch unwahrscheinlicher, dass sie ihn kannte, als sie 2006 eine Fotografie ihrer ausgestreckten Hand auf das Bild des Himmels affichierte. Dieses Bild mit dem Titel „Reaching“ macht sich Michelangelos Sixtinische Kapelle zu eigen und versieht die Sache mit einem Dreh: In diesem Fall ist Auth der Mensch und Gott nicht da. Auch die Aneignung ist eine postmoderne Technik, die von Künstlern zu Beginn der 80er Jahre entwickelt wurde. Man kann anhand Auths Arbeit gut erkennen, dass derlei Vorgangsweisen nicht gelehrt zu werden brauchen, weder theoretisch noch auf andere Weise, damit sie sich in der Praxis umsetzen.

Es handelt sich um populäre Taktiken der Gegenwart, die für junge Leute, die in einer solchen Kultur aufwachsen, verfügbar sind und von Natur aus verstanden werden.

— Lori Waxman, 18. August 2012, 17.35 Uhr

In “Mother,” a painting by Mona Jasmin Auth, a chic woman with frizzy red hair sticks her head out the top of a large black boot. She wears a black fedora and a dark green fur scarf. The boot stands in a landscape that could have been painted by Hundertwasser, but the face is a closely observed representation of the artist’s own mother. The mixing and borrowing of styles that Auth applies here is called postmodernism, and as a student of literature at university she would certainly know that term by now.

But she might not have known it when she painted the picture in 2010, and she’s even less likely to have known it when she collaged a photograph of her outstretched hand to a small painting of the sky in 2006. That picture, “Reaching,” appropriates Michelangelo’s Sistine Chapel with a twist: here the human is Auth and God is absent. Appropriation, too, is a postmodernist technique, developed by artists beginning in the 1980s. The lesson of Auth’s work is that these modes don’t need to be taught, theoretically or otherwise, in order to be put into practice.

They are the popular tactics of today, available and innately understood by the young people who grow up in contemporary culture.

—Lori Waxman 8/18/12 5:35 PM

 

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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