60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Nguyen Duc Huy Nam

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Nguyen Duc Huy Nam ist ein junger kanadischer Künstler, der in Berlin lebt und ein einfaches Tagebuch, gebunden in graues Papier, führt. Die Einträge sind regelmäßig genug, dass etwa alle sechs Monate ein neues aus grauem Papier angelegt wird. In ihnen beschreibt Nguyen detailliert seine Hauptbeschäftigungen.

Diese sind bemerkenswert vertraut: Lebensmittel einkaufen, bei Treffen dabei sein, Hausarbeiten im Atelier verrichten. Diese Listen werden gelegentlich von anscheinend kreativen Bemühungen unterbrochen, wie zum Beispiel Skizzen aus dem Kaffeehaus und philosophische Grübeleien über sein künstlerisches Werk als Maler. Handgezeichnete Landkarten tauchen häufig auf.

Das Wort „wedding“/Hochzeit springt auf einigen Seiten hervor – er wird bald heiraten. „To be honest, this doesn’t sound so interesting“ [„Um ehrlich zu sein, klingt das nicht besonders interessant“] lässt sich auf Seite drei des Tagebuchs lesen, doch das mutmaßt Nguyen nur im Nachhinein. In der Tat trifft das auf das Tagebuch als Ganzes nicht zu und auch nicht auf die eher seltene Situation, dass man jemandes privates Tagebuch zu lesen bekommt. Nun ja – auf gewisse Weise zumindest nicht. Wenn es um die Details geht, ist das Alltagsleben der Menschen zumeist langweilig, und gerade die Enthüllung dieses Umstands angesichts des Lebens eines jungen Künstlers, stellte eine Preisgabe von großer Ehrlichkeit dar.

Filme und Bücher dramatisieren nur zu gerne das Leben von Künstlern, wenn sie vorgeben, dass nur exzentrische und romantische Persönlichkeiten Kunst schaffen können. Das ist Lüge. Die meisten Künstler haben Jobs und Familien, sie kaufen ihre Lebensmittel ein, kochen Abendessen, machen die Wohnung sauber und erledigen ihre Arztbesuche, gerade so wie alle anderen auch.

Vielleicht sollten mehr Künstler uns einen Blick in ihre Tagebücher werfen lassen und uns ein wenig langweilen; und uns dann zeigen, wie erstaunlich das Werk sein kann, das aus dem so genannten normalen Leben heraus entsteht.

— Lori Waxman, 9. Juli 2012, 17.22 Uhr

Nguyen Duc Huy Nam is a young Canadian artist who lives in Berlin and keeps a simple journal, bound in grey paper. He keeps it regularly enough that a new, always grey volume comes into being roughly every six months. Inside, Nguyen details his preoccupations.

They are notably familiar: buy groceries, attend meetings, do studio chores. These lists are occasionally interspersed with more seemingly creative endeavors, like café sketches and philosophical musings on his art practice as a painter. Hand-drawn maps appear frequently.

The word “wedding” jumps off a few pages—he is getting married soon. “To be honest, this doesn’t sound so interesting,” reads page three of the journal, but that’s just Nguyen second-guessing himself. It actually isn’t true of the journal as a whole, or the rare situation of being given someone’s private journal to look at. Well, sort of. People’s everyday lives are actually quite boring when you get down to the details, and the revelation of this as the fact of a young artist’s life is a divulgence of great honesty.

Movies and books too often dramatize the lives of artists, pretending that only the most eccentric, romantic personages can produce art. It’s a lie. Most have day jobs and families, and they buy groceries and cook dinner and clean house and have doctor’s appointments, just like the rest of the world.

Perhaps more artists ought to share their journals, and bore us a bit, and then show us just how astonishing can be the work that is produced out of such so-called normal lives.

— Lori Waxman 7/9/12 5:22 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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