60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Noor Abed

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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In „Bio Video“ starrt Noor Abed ununterbrochen in eine Kamera, ihr Hemd ist korrekt zugeknöpft, darüber trägt sie eine Sakkojacke. Da sie über Erfahrungen als Supermarktkassiererin und Hotelrezeptionistin verfügt, ist sie in der Lage, ein freundliches Lächeln über einen bemerkenswert langen Zeitraum hindurch aufrecht zu erhalten, dennoch registriert die Videokamera winzige Veränderungen im wirklichen Leben, was eine Fotokamera nicht zu tun vermöchte.

In „Where to?“ fährt Abed unaufhörlich auf einem Fahrrad, ein paar Zentimeter über einem riesigen See in Norwegen hängend. Das Wasser unter ihr schlägt Wellen, während sie unterdessen an der Stelle verharrt. Das Publikum lacht über die Absurdität dieser Geste. In „It is really loud here“ liegt Abed in einer Wüste und dreht ihren Körper hin und her, und gräbt auf diese Weise einen Kreis in den Sand. In einem bislang nicht mit einem Titel versehen Stück, tanzt sie auf den leeren Betonfluren eines Hochhaushotels, das niemals fertig gebaut wurde. Eine wunderbar seltsame, winzige Vision in einer schonungslos realistischen Ruine. Man könnte eine Menge über jedes einzelne dieser Videos sagen, auch wenn man nicht wüsste, dass Abed eine junge Künstlerin aus Ramallah ist, doch dieser Umstand erweist ein jedes dieser Werke auch als eine Metapher des Lebens in den Palästinensergebieten, wo die Grenzposten tagein tagaus das Leben verändernde Entscheidungen auf der Grundlage dessen fällen, wie eine Person aussieht und wo die Frage danach, wo man denn hin will, ironisch gestellt werden kann.

—Lori Waxman, 18. August 2012, 16.07 Uhr

In “Bio Video,” Noor Abed faces the camera forever, shirt nicely buttoned up, suit jacket over top. With her training as a supermarket cashier and hotel receptionist, she is able to plaster a friendly smile to her face with remarkable stability, but nevertheless the video camera captures minute shifts of real life that a still camera cannot.

In “Where to?,” Abed bicycles unceasingly, suspended a few inches above an immense lake in Norway, the water ebbing under her while she remains still. The audience laughs at the absurdity of her gesture. In “It is really loud over here,” Abed lies in the desert and shifts her body around and around, digging a circle of its own making. In an as yet untitled piece, she dances on the empty concrete floors of a high-rise hotel that was never finished, a fabulously strange, tiny vision in a hard-edged ruin. There is much to say about each of these videos even if you don’t know that Abed is a young artist from Ramallah, but knowing this renders each work also a metaphor for life in Palestine, where border guards make life-changing judgments every day based on the way a person looks, and where the question of where to go can be asked ironically.

—Lori Waxman 8/18/12 4:07 PM

 

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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