60 Worte/Min. Kunstkritik - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Nora von der Decken

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Nora von der Deckens „Rabbit 7 or 6“ sieht wie eine ganz gewöhnliche, wenn auch verschwommene, Zeichnung eines Häschens aus. Und ein solches ist es auch – flauschiges Schwänzchen, spitze Ohren und der ganze Rest. Doch ebenso ist das eine Art magisches Bild. Ein Bild, das sich selbst so verhält, wie das auf ihm abgebildete.

Hasen, die von Kindern geliebt werden, weil sie klein und entzückend sind, sind auch geheimnisvolle Wesen. Sie tauchen auf und verschwinden wieder, ganz wie es ihnen beliebt, springen aus den Büschen hervor, wenn man es am wenigsten erwartet, um dann gleich wieder zu verschwinden. Sie sind nicht da, dann sind sie da und schon sind sie wieder weg. Bei Von der Deckens „Rabbit 7 or 6“ verhält es sich ähnlich, auch wenn es ein Stillleben ist. Die Künstlerin benutzte einen farblosen Ölstift, mit dem sie kaum wahrnehmbare Daumenabdrücke auf einem Stück Papier hinterließ, dann fügte sie mit einem Wattestäbchen Details hinzu und schließlich trat – nachdem Pastellstaub darüber verteilt wurde – das Bild hervor.

Dass das Ganze nicht scharf umrissen ist liegt daran, dass das Karnickel gleich wieder weglaufen wird. So sind sie nun mal, die Häschen. Es bedarf zweifellos einer spitzbübischen Künstlerin, um ein solches aufs Blatt zu bannen, und sei es auch nur für eine Sekunde.

— Lori Waxman, 23. Juli 2012, 14.29 Uhr

Nora von der Decken’s “Rabbit 7 or 6” looks like a simple, if blurry drawing of a bunny. And it is that, fluffy tail, pointy ears and all. But it is also the kind of magical picture that behaves a bit like the thing it represents.

Rabbits, for all that they are small, cute creatures who are beloved by children, are also mysterious beings. They appear and disappear at will, hopping in and out of the bushes when least expected. They’re not here, then they’re here, then they’re gone again. Von der Decken’s “Rabbit 7 or 6,” for all that it’s a still image, has had a parallel life. The artist used a colorless oil bar to make imperceptible thumbprints on a piece of paper, added details using a Q-tip, and then, with a dusting of pastel powder, brought it into visibility.

The lack of focus is because the bunny is about to run off again. They’re like that, bunnies. It takes a mischievous artist to get one on a page, even for a second.

—Lori Waxman 7/23/12 2:29 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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