60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Nuria-Berenike Paz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Aus einem kleinen goldenen Bild blickt ein junger Mann. Große, grüne Augen, volle rote Lippen, glatt gemeißelte Wangen in rosa. Er ist wunderschön, und das hat man ihm wohl auch schon hunderte Male gesagt. Doch auf Nuria-Berenike Paz kleinem und diffizilem Bild erhebt er sich über Eitelkeit oder Schüchternheit, die eine solche Attraktivität zuweilen in einer einzelnen Person auszulösen vermag. Sinnlich und mit Tropfen, Spritzern und Tupfern von Gold überzogen, gleicht er einer Figurine von Klimt. (Er könnte dies auch noch in höherem Maße tun.) Mit seinem Kopf, von einem Heiligenschein gekrönt, seinem strahlenden Tank-Top und einem Blick, der zur Seite nach unten gesenkt ist, ist er zum Teil auch russische Ikone. Doch wofür steht er als Heiliger? Steht er für ätherische Anmut? Gewiss, doch die spirituellen Konnotationen auf dieser Art von Portrait legen nahe, dass er auf eine gewisse Weise, die genau mit diesem Vorzug in Zusammenhang steht, rein ist.

Wird er von der Malerin verehrt? Sollten wir ihn verehren? Wahrscheinlich ist es, dass jemand dies tun wird, bedenkt man seine Schönheit. Doch das wird hoffentlich nicht dazu führen, dass er dadurch in Ungnade fällt.

— Lori Waxman, 25. Juli 2012, 17.29 Uhr

 

From a small golden picture gazes a young man, wide eyes green, full lips red, chiseled cheeks pink. He is utterly beautiful, and he must have been told so a hundred times. But in Nuria-Berenike Paz’s small, meticulous painting of him, he floats above the vanity or coyness that such attractiveness can sometimes induce in a person. Sensuous and flecked with splashes and spots and drips of gold, he is part Klimt figurine. (He could even be more so.) With his head encircled by a faint halo, his tank top aglow, and his eyes cast down and to the side, he is part Russian icon. But of what is he a saint? Of an ethereal comeliness, certainly, but the spiritual connotations of this type of portraiture suggest that he is pure in some way that is connected to that very exquisiteness.

Does the painter worship him? Should we? Certainly someone is bound to, given his prettiness. Hopefully it will not induce a fall from grace.

—Lori Waxman 7/25/12 5:29 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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