60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Oliver Parzany

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Vor mehr als zwanzig Jahren, als Oliver Parzany noch zur Oberschule ging, bedeckte er die Leinwand für ein Panorama mit Schattierungen von wässrigem Blau, der Farbe des Flachses und der Aubergine, er gestaltete eine grünende Landschaft mit ausladenden Baumzweigen, einem dunstigen, blauen Himmel und einer alten Kirche im Hintergrund.

Schon kurz danach gab er die Malerei auf, doch seine Eltern haben das Bild stets hoch geschätzt und aufbewahrt. Alles, was ein geliebtes Kind produziert ist wertvoll, und das gilt umso mehr für den Fall, dass dieses Ding nicht nur an und für sich schön ist, sondern darüber hinaus noch etwas, das die Schönheit in der Welt offenbart. Parzanys Gemälde ist ein solches Ding. Die Äste des Baumes in sattem Purpur bilden seine Mitte und die blühenden Zweige verhindern beinahe die Sicht, so als ob der Maler unter einem gewaltigen alten Baum gestanden und die Welt von einem abgedämpften, magischen und geschützten Ort aus aufgezeichnet hätte. Doch auch Kunstwerke altern und verändern sich, und nun, nach zwanzig Jahren, ist auch das Bild selbst zu einer Art Ding geworden, zu einem bitter-süßen Ding, das unerfülltes Potentiale in sich birgt, die Samen dessen, was gewesen sein könnte.

— Lori Waxman, 21. Juli 2012, 16.32 Uhr

Over twenty years ago, when Oliver Parzany was still in high school, he covered a panoramic canvas with shades of acqua, flax and aubergine, picturing a verdant landscape of overhanging tree boughs, hazy blue sky and an old church in the background.

He gave up painting soon after, but his parents treasure the picture still. And well they should. Anything a beloved child has produced is a thing of worth, and all the more so when that thing is not only beautiful in and of itself, but a thing that reveals beauty in the world. Parzany’s painting is such a thing. The tree’s rich purple trunk fills the center of the canvas and the flowering branches nearly obscure the view, as if the painter had stood underneath an immense, old tree and depicted the world from inside its damp, magical, protected space. But artworks age and change as they do, and now, twenty years on, the painting has also become another kind of thing, a bittersweet one, containing unfulfilled potential, the seeds of what might have been.

—Lori Waxman 7/21/12 4:32 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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