60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ostap4enko

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Seit Jahrzehnten schon verwenden Künstler gewöhnliche Arbeitsmaterialien um Kunstwerke zu schaffen, nicht im Sinne von Ready Mades, sondern im Sinne von Skulpturen aus Kartonschachteln oder Gemälde, die mit Zahnpaste gemalt werden. Zu oft wird das nur sehr schlampig ausgeführt, doch ein solches Vorgehen ist ganz bestimmt nicht der Fall bei Vyacheslav Osynsky, der unter dem Namen Ostap4enko arbeitet. Man darf ihn einen Virtuosen des Klebebandes nennen.

Ostap4enko vollbringt damit alles, was man auch mit Acryl- oder Sprühfarbe schaffen könnte, doch er macht es noch besser. Scharfkantige Abstraktionen, minimalistische Malerei, figurativer Realismus, illusionistische Cartoons – mit einer Palette von Klebebändern mit unterschiedlicher Farbe und einem Cutter kann er sie alle schaffen. Sogar die Palette selbst kann er herstellen, eine clevere kleine, skulpturale Version des Holzbretts, das dem Maler so geläufig ist, mit all den Farbflecken darauf und dem Pinsel an der Seite. Bei ihm handelt es sich freilich um farbiges Klebeband mit Messer.

Wie bei zahlreichen Fachleuten, denen ihre Fähigkeiten so einfach von der Hand gehen, erliegt auch Ostap4enko zuweilen einer glatten Geschicklichkeit oder dem Bonmot. Man könnte das auch eine Art von Trübung nennen, die dadurch entsteht, weil keine Grenzen des eigenen Mediums mehr gesehen werden. Kann dasselbe Material vom selben Künstler dazu benutzt werden, einen Lampenschirm, ein abstraktes Gemälde oder einen riesigen Cartoon zu machen? Osta4penk beweist zumindest, dass dies möglich ist.

— Lori Waxman, 8. August 2012, 17.09 Uhr

Artists have been using common materials to make art for some decades now, not in the sense of ready-mades but sculptures made out of cardboard boxes or paintings made from toothpaste. Too often this is done sloppily, but not by Vyacheslav Osynsky, who goes by the name Ostap4enko. Call him a virtuoso of tape.

Ostap4enko can do anything you can do with acrylic paint or spray paint, only he can do it better. Hard-edged abstraction, minimal painting, figurative realism, trompe l’oeil cartooning—with a palette of colored duct tape and a utility knife, he can create them all. He can even make the palette himself, a clever little sculptural take on the painter’s familiar slab of wood with colored blobs and brush. His, of course, is colored tape with knife. As with many practitioners who master their skill to the point of ease,

Ostap4enko sometimes succumbs to slickness or one-liners, or to a kind of diffusion brought on by seeing no limits to his medium. Ought the same material be used by the same artist to make a lampshade, an abstract painting and a giant cartoon? At the very least, Ostap4enko proves that it can be done.

—Lori Waxman 8/8/12 5:09 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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