60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Pallavi M.D.

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Kunstkritiker tun viele Dinge. Sie treffen Urteile, liefern historische Kontexte, übersetzen avantgardistische Konzepte in die Terminologie der Laien, ja sie steuern zuweilen auch zur Poesie bei. Selten nur versuchen sie etwas, das sich als synästhetische Praxis beschreiben ließe, wenn eine Ausdrucksform in einer anderen Gestalt gewinnt. Doch genau das ist es, was die Kunstkritikerin hier sich zu tun verpflichtet fühlt, nachdem sie die Performance klassischer indischer Musik von Pallavi M.D. gehört hat, die diese „Entdeckung des Raga eines Raumes, in dem ich singen werde“ nennt.

Nimmt man die skulpturale Zweideutigkeit des Titels, so fühlt sich diese Kunstkritikerin hier nun wohl als solche fortzusetzen, und zwar nicht auf die Art und Weise, die man vielleicht von einer Kunstkritikerin erwarten würde, die über Synästhesien schreibt, was nahe legen würde das Werk des russischen Avantgardisten Wassily Kandinskys ins Spiel zu bringen, der davon überzeugt war, Musik ließe sich in Farbe übersetzen und umgekehrt.

Auch ich bin davon überzeugt, doch Pallavi M.D.s Gesang hat in mir nicht die Vision eines Regenbogens ausgelöst, sondern eher eine Reihe von Markierungen, einen Graphen, der im weißen Raum anhebt, dann zu den lichtesten Punkten wird, sich in eine Serie von Tropfen wandelt und dann zur rollenden Welle wird.

Dann, mit einem Male, gibt es eine Explosion von Linien, die alles zerbersten lässt. Dann kurze Vertikale, eine nach der anderen, dann die Tropfen, die Punkte, der weiße Raum. Für eine derartige Zeichnung, könnte ich eine herkömmliche Kritik anbieten. Doch für eine so erstaunliche Performance wie es die von Pallavi M.D. war, vermag ich nur ein imaginäres Werk der bildenden Kunst als Dank zurückzugeben.

— Lori Waxman, 4. Juli 2012, 17.06 Uhr

Art critics do many things. They pass judgments, give historical context, translate vanguard concepts into layperson terminology, even wax poetic. Rarely do they attempt what might be described as a synesthetic practice, where one mode of expression is given shape in another. That, however, is exactly what this art critic feels compelled to do, having witnessed a performance of classical Indian music by Pallavi M.D., called “Discovering the raga of the space that I will be singing in.”

Given the sculptural suggestiveness of the title, this art critic feels comfortable proceeding as such, and not in the mode that might be expected from an art critic writing about synesthesia, which ought to bring up the work of Wassily Kandinsky, the Russian avant-guardist who believed that music translated into color and vice-versa.

I believe this too, but Pallavi M.D.’s singing did not induce a rainbow vision for me, rather it produced a series of marks, a graph that began with white space, then the lightest of dots, then a series of dashes, a rolling wave.

Suddenly, a burst of lines that shattered everything. Then short verticals, one after the other, then the dashes, the dots, the white space. For a drawing like that, I could offer a conventional critique. But for a startling performance like Pallavi M.D.’s, I can provide only an imaginary work of visual art in return.

— Lori Waxman 7/4/12 5:06 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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