60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Peter Rudolph

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Eins plus eins macht zwei und viktorianische Vorsatzblätter plus Roy Lichtenstein Spritzern ergeben Peter Rudolphs „Fantasiebilder“. Das ist zwar beides korrekt, doch es ist auch nicht ganz so.

Das erste besagt auch die Tätowierung, der den linken Bizeps des Künstlers schmückt, es legt jedoch etwas nahe, das höher komplex und einfacher als üblich ist. Denn gleiches lässt sich auch von Rudolphs Malerei sagen, für die er Werkzeuge verwendet, die er selbst erfunden hat. Farbtropfen werden dabei auf einem Brett aufgetragen und durch ein welliges Blatt verteilt, woraus dann prächtige Explosionen fantastisch abgestufter Regenbögen entstehen, die sich überall hin ausbreiten. Diejenigen, die so hergestellt werden, dass Farbe mittels eines drehbaren Spachtelmessers verteilt wird, erinnern an blendende Scheiben in Bewegung. Die Malerei wirkt schnell, so als ob Pfauen schnell laufen würden oder sich Platten auf Plattenspielern drehen. Künstler verwenden für gewöhnlich jede Menge Zeit darauf, dass die Bilder schnell aussehen, doch die Neuartigkeit bei Rudolphs Malerei dürfte im Umstand begründet liegen, dass seine Werkzeuge eine unerwartete Unmittelbarkeit erforderlich machen.

Um ihnen den Effekt zu verleihen den sie besitzen, muss Rudolph sie in grob weniger als fünfzehn Minuten schaffen. Obgleich man sich gar nicht vorstellen kann, wie er sie malt, ehe er nicht die Werkzeuge erklärt hat, die er dazu benutzt, sind sie in der Tat genau so schnell wie sie scheinen.

— Lori Waxman, 14. Juli 2012, 16.39 Uhr

One plus one equals two, and Victorian endpapers plus Roy Lichtenstein splatters equal Peter Rudolph’s “Fantasiebilder.” This is both true and not entirely so.

The first is the content of a tattoo inscribed on the artist’s left bicep, but it indicates something both more complex and more simple than usual. The same might be said for Rudolph’s paintings, which he makes using tools of his own invention. Those generated by dragging blobs of color across a board using a wavy blade result in gorgeous, all-over explosions of marvelously graduated rainbows. Those produced by pushing paint in a circle with a pivoted palette knife resemble blinding discs in motion. The paintings feel fast, as if peacocks were running or record players turning. Artists usually spend immense amounts of time generating work that seems speedy, but the novelty of Rudolph’s paintings might be that his tools necessitate an unexpected directness.

In order to have the effect that they do, Rudolph must paint them in less than 15 minutes flat. Though you can’t even begin to guess how he paints them, unless he describes the tools to you, they are, in fact, exactly as fast as they seem.

— Lori Waxman 7/14/12 4:39 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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