60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Philipp Scholz

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Philipp Scholz zeigt ein einfaches Diagramm. Zwei Gruppen bewegen sich auf dasselbe Ziel zu. Zu Gruppe 1 gehört ein Schauspieler, er ist inkognito; bei Gruppe 2 gibt es keinen solchen Schauspieler. Während sie nun versuchen ihr Ziel zu erreichen, wird Gruppe 1 auf gewisse Weise von diesem Schauspieler beeinflusst werden, was dann auch Auswirkungen auf Gruppe 2 haben wird.

Die korrekte Frage, die sich hier stellt, lautet nicht, ob das denn Kunst sei. Tino Sehgal hat solche Fragen schon viele Male zuvor beantwortet, und darüber hinaus ist das wohl auch die langweiligste Frage die man stellen kann, wenn man auf etwas trifft, das sich selbst Kunst nennt. Dinge, die sich nicht Kunst nennen, sind eine gänzlich andere Sache. Die korrekte Frage stellt sich demnach in Form mehrerer Fragen journalistischer Natur, Fragen, deren Antworten Auswirkungen auf die letztgültige Form von Scholz’ Kunstwerk im Embryonalstadium haben werden.

Wer, was, wo, wann und wie? Nichts davon ist in diesem Diagramm angedeutet, und ohne diese Details zu kennen, gibt es keine Möglichkeit über die spezifische Fassung des Kunstwerks zu spekulieren. Was Scholz jedoch mit seinen Pfeilen und Kreisen zu erkennen gibt ist der Glaube an die Fähigkeit einer einzelnen Person, willentlich und im Verborgenen viele andere beeinflussen zu können. Ebenso auf direkte wie auch indirekte Weise.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 14.34 Uhr

Philipp Scholz presents a simple diagram. Two groups travel toward the same goal. Group one includes an incognito actor; group two does not. Upon reaching their goal, group one will have been affected in some way by this actor, and will in turn affect group two.

The correct question to ask is not if this is art. Tino Sehgal has already answered that question many times over, and plus it is probably the most boring question one can ask of anything calling itself art. Things that don’t call themselves art are another story entirely. The correct question to ask is many questions of a journalistic nature, questions whose answers will impact the ultimate form of Scholz’s embryonic artwork.

Who, what, where, when and how? None of this is indicated in the diagram, and without knowing these details there is no way to speculate about the specific nature of the artwork. What Scholz does reveal through his arrows and circles, however, is a belief in the ability of a single person to intentionally and covertly impact many others, both directly and indirectly.

—Lori Waxman 8/4/12 2:34 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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