60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Pixel for President

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Pixel for President ist der tag name Momo Riedmüllers, ein Graffitischreiber der gemeinsam mit seiner Crew Makers with Attitude arbeitet. Er hinterlässt seine tags nicht bloß an den Wänden von Kassel und Umgebung, sondern Pixel hat seine Graffiti-Ästhetik auch auf einer kleinen Leinwand zu Anwendung gebracht, der er den Titel „The Tree of Life“ gegeben hat, und gemeinsam mit anderen hat er auch eine Baseballmütze beschriftet.

Diese Mütze, die zwei todschicke tags zur Schau stellt, ist ohne Zweifel handgefertigt und einzigartig. Sie sieht wie etwas aus, das jemand tragen würde, der sich ganz bewusst mit street culture identifizieren möchte. Das Gemälde hingegen ist eine skizzenhafte kleine Nummer, übervoll mit Kritzeleien, die sich, zickzackartig und spiralig, zu zwei durchgedreht dreinblickenden Augen verdichten. Dazu gibt es auch noch jede Menge freie Fläche, die nicht im Geringsten bearbeitet wurde. Pixel erklärt das damit, dass das Gemälde noch nicht fertig sei, schließlich wäre er ja noch am Leben. Das überrascht, denn Graffiti-Künstler sind dafür bekannt schnell zu arbeiten, da die Polizei jeden Augenblick auf den Plan treten kann und das oftmals ja auch tut, und hier treffen wir nun auf jemanden, der langsam zu Werke geht und das obendrein noch mit Material, das man letzten Endes sogar verkaufen könnte.

Diese beiden Objekte erhellen auf diese Weise auch ein neues Kapitel in der seltsamen Geschichte der Graffitikunst, die in ihrer derzeitigen Form auf einen urbanen lifestyle marker hinausläuft, den man zu jedem beliebigen Preis erwerben kann – der nichtsdestotrotz aber eine einzigartigen Anziehungskraft besitzt.

— Lori Waxman, 20. August 2012, 17.20 Uhr

Pixel for President is the tag name of Momo Riedmueller, a graffiti writer who works with the crew Makers with Attitude. Apart from tagging walls around Kassel, Pixel has also applied his graffiti aesthetic to a small canvas called “The Tree of Life” and, collaboratively, to a baseball cap. The cap, which sports two very snazzy tags, is evidently handmade and unique, and looks like something someone would wear if they wanted to be actively identified with street subculture.

The painting, meanwhile, is a sketchy little number, full of doodles that drip, zigzag and spiral into a pair of bugged-out eyes. It’s also full of empty space, not nearly worked over enough. Pixel explains that this is because it is unfinished, since he is still alive. Graffiti artists used to be known for working quickly, since the cops could show up at any time and often did, so it comes as a surprise to find one proceeding at such a slow pace, and on materials that could, ultimately, be sold.

These two objects thus elucidate a recent chapter in the strange history of graffiti art, culminating in its current appeal as urban lifestyle marker for sale at any price—but still of genuine appeal.

—Lori Waxman 8/20/12 5:20 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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