60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: DOE Projects

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Wie sieht Gerechtigkeit aus, wenn sie tatsächlich funktioniert?

Es gibt eine Gerechtigkeit, die sich durch ein arbeitsfähiges Rechtssystem verspricht, wie dies zum Beispiel beim offiziellen Amtsgericht in Kassel, das sich in der Frankfurter Straße befindet, der Fall ist. Doch dann gibt es noch eine Gerechtigkeit, die weit schwerer zu lokalisieren und zu praktizieren ist, eine Gerechtigkeit, die sich mit Apartheid oder der AIDS-Krise auseinandersetzt, so wie sie das Leben und die Lebensbedingungen in Südafrika bestimmen. Beide Formen einer solchen Gerechtigkeit sind gerade jetzt an derselben Stelle am Werk, nämlich in Form einer unwahrscheinlichen künstlerischen Zusammenarbeit zwischen den DOE projects von Chicago (Deborah Adams Doering) und dem Keiskamma Art Project of Hamburg, Südafrika (Veronica Betani, Cebo Mvubu). Jeden Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr sitzen die Mitarbeiter wie gewöhnliche Beamte an ihren Schreibtischen im Empfangsbereich des Amtsgerichts und gehen ihrer Arbeit nach. Wenn sich auch ihre Tische biegen und sie mit Nadel und Faden genau arbeiten müssen, so ist ihre Arbeit doch auch so langsam und kooperativ, wie es sonst bei der Justiz der Fall ist, wenn diese ihren lauf nimmt. Das ist auch auf dieselbe Weise kreativ, wenn die Entwicklung neuer Systeme und Kommunikationsformen erforderlich ist. Vollständig transparent und offen für die Diskussion. Und obgleich die Resultate – in diesem Fall eine Reihe individuell gestalteter Wandteppiche – jedes für sich genommen es wert sind, genau betrachtet zu werden, werden sie doch nur notdürftig ausgestellt. Immer und immer gibt es noch mehr zu tun.

— Lori Waxman, 11. Juli 2012, 18.02 Uhr

What does justice look like when it is actually working?

There is the justice that takes place in a functioning court system, like the official one that in Kassel is located on Frankfurter Strasse in the Amtsgericht. And then there is a kind of justice that is much more difficult to locate and to practice, the kind that might be able to make some sense of apartheid or the AIDS crisis as it has overtaken lives and livelihoods in South Africa. Both these kinds of justices find themselves at work in the same space right now, in the form of an unlikely art collaboration between DOE Projects of Chicago (Deborah Adams Doering) and Keiskamma Art Project of Hamburg, South Africa (Veronica Betani, Cebo Mvubu). Every Monday to Friday, from 10 am to 5 pm, the collaborators sit like regular office workers at their desks in the Amtsgericht lobby, doing their work. Although their tables curve and they work with needlepoint and thread, the work they do is as slow and cooperative as conventional justice is when it works. It is also as creative, necessitating the invention of new systems and ways of communicating. It is fully transparent and open to discussion. And though the results, in this case a series of individual tapestries, are each worthy of consideration, they are just barely displayed. There is always, always more work to be done.

— Lori Waxman 7/11/12 6:02 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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