60 Worte/Min. Kunstkritik - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ute Reeh

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Meine kleine Tochter bringt eine Menge ihrer Zeit auf meinem Körper zu. Sie liegt auf ihm, wird von ihm umarmt, hängt sich an ihn ran. Erwachsene haben nur selten die Möglichkeit und das Vergnügen, einer solchen physischen Beziehung zu frönen und das umso weniger in der Öffentlichkeit.

Die Skulpturen von Ute Reeh stellen hier eine Ausnahme dar. Ihre ausladende Bank könnte eine riesige Zunge sein oder die Beuge eines gewaltigen Armes. Ihr weiches, vielfältig gezacktes Sofa erinnert an eine hohle Hand mit zu vielen Fingern oder an eine auf den Kopf gestellte Qualle. Ihre Stühle scheinen eine Anhäufung von Brüsten oder Nabel ohne Körper zu sein. Die farblichen Schattierungen reichen von rosa bis hautfarben, die Skulpturen sind Körper, die von anderen Körpern benutzt werden können, wie es diesen gefällt: Man kann auf ihnen sitzen und sich unterhalten, sich drauflegen und auf die Baumkronen hinaufschauen, man kann es sich gemütlich machen und einschlafen. Sie sind dazu da, sich sicher zu fühlen, sich zu entspannen und die Gedanken schweifen lassen.

Da ist es beinahe schon überflüssig darauf hinzuweisen, dass Reeh sie „therapeutische“ Skulpturen nennt. Man sollte sie auf Krankenschein bekommen.

— Lori Waxman, 28. Juli 2012, 16.24 Uhr

My young daughter spends a lot of time on my body, lying on it, embraced by it, hanging on to it. Adults do not often have the comfort and pleasure of this physical relationship, and even less rarely in a public place.

The sculptures of Ute Reeh provide an exception. Her cantilevered bench could be a giant tongue or the crook of an enormous arm. Her soft, multi-pronged sofa resembles a cupped hand with too many fingers or an upside-down jellyfish. Her stools seem a cluster of disembodied breasts or bellybuttons. Ranging in shades from pink to beige, the sculptures are bodies made for other bodies to do with as they please, to sit and talk, to lie down and stare at the trees, to curl up and fall asleep; to feel safe, relaxed and open to wonder.

Needless to say, Reeh calls them “Therapeutical” sculptures. They ought to be prescribed.

—Lori Waxman 7/28/12 4:24 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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