60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Regina Frank

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Daten sammeln sich überall und in jedwedem Ding, jedoch nur ein kostbar kleiner Teil davon wird verstanden oder aufgezeichnet. Dabei geht es mitnichten bloß um die 1en und 0en im Internet, wenngleich auch diese Daten generieren. Daten lassen sich an dem mit Perlen handbestickten Kleid finden, einer Arbeit, für die eine Frau in Indonesien mit nur zwanzig Cent pro Stunde entlohnt wird. Daten erhellen die von Solarenergie gespeiste Lichterkette. Sie nähren die auf geheimnisvolle Weise gezüchteten biologischen Pilze. Sie bestimmen die geografischen Muster der globalen Katastrophen der Gegenwart. Regina Frank sammelt solche Informationseinheiten und trägt sie an ihrem Ärmel, oder vielmehr über ihren ganzen Körper verteilt und über diesen hinaus: in Form von ungeheuer großen, kreisförmigen Kleidern, die sich um ihren skulpturalen Torso winden, der damit beschäftigt ist zu nähen, zu transkribieren, zu bürsten, zu essen oder zu kneten – je nach dem, was die Performance von ihm verlangt.

Diese Daten bleiben nicht unbekannt oder unzugänglich, doch inmitten der eskalierenden Attacken der politischen, ethischen, geologischen und klimatologischen Informationen, die das Universum für uns bereithält, wird es zunehmend schwieriger sich daran zu erinnern, wie real und präsent ihre Effekte sind. Drapiert um ihren eigenen, auf seine Anwesenheit insistierenden, Körper, machen das Regina Franks Kleider offenkundig sichtbar.

— Lori Waxman, 18. Juni 2012, 17.15 Uhr

Data accumulates everywhere in everything, but precious little of it is understood or recorded. This is by no means simply the X’s and O’s of the Internet, though it is that too. Data lodges in the pearls hand-sewn on a dress by a woman in Indonesia paid just 20 cents an hour. It illuminates a solar-powered string of lights. It feeds the mysterious organic growth of mushrooms. It determines the geographical pattern of recent global disasters. Regina Frank takes this information and wears it on her sleeve, or rather on her entire body and beyond, in the shape of immense circular dresses that spread out around her sculptural torso, active with the labor of stitching, transcribing, brushing, eating or kneading, depending on the performance.

None of this data is unknown or inaccessible, but amid the escalating onslaught of political, ethical, geological and climatological information that comprises our universe, it becomes increasingly difficult to remember just how real and present are its effects. Draped on her own insistently present body, Regina Frank’s dresses make this palpably visible.

—Lori Waxman 6/18/12 5:15 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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