60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Dr. Uwe Reher

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Dr. Uwe Reher malt Blumenmotive und Landschaften. Das sind nun keine Traditionen, die irgendwie konzeptuell belastet sind, wenngleich auch alles Pittoreske grundsätzlich eine ästhetische Geschichte in sich birgt, beabsichtigt oder auch nicht. Doch Dr. Reher hat sein

impressionistisches, botanisches Gemälde „Tulips of Darwin“ [„Darwin-Tulpen“] genannt, und obgleich dies auch der tatsächliche Name der dargestellten Tulpenart ist, ist es doch auch ein ungewöhnlicher Name, der einige Fragen aufwirft. Namentlich, wie die Evolution dieser karminroten Blüten verlief? Warum haben sie bis zum heutigen Tag im Gegensatz zu andere Arten überlebt? Und was kann uns Dr. Rehers Bild über sie erzählen? Dass ihre Blütenblätter sehr groß sind und stark gefärbt, in Schattierungen, die von Weinrot bis Purpur reichen, von Rosa bis Kürbisgelb. Dass die Farbtöne die Blumen derart überwältigen, dass auch ihre Stängel entsprechend getönt werden; gelbliches Grün wird von heißem Rosa gefärbt, Hellgrün geht in Orange über. Zugegebenermaßen hat ein Künstler nicht die Verpflichtung, wissenschaftlich akkurat abzubilden und Dr. Rehers Gemälde liefert weit mehr einen visuellen Eindruck, anstatt eine faktische Beobachtung zu verzeichnen.

Doch zuweilen ist diese Herangehensweise ohnehin die authentischere, ganz besonders dann, wenn es um Tulpen geht. Nachdem diese Blumen seit den Zeiten der holländischen Tulpenmanie eifrig gezüchtet und gekreuzt wurden, werden ihre besonderen äußerlichen Merkmale kaum mehr als natürliche Eigenschaften betrachtet, sondern sind weit eher das Produkt menschlicher Innerlichkeit.

— Lori Waxman, 20. August 2012, 13.49 Uhr

Dr. Uwe Reher is a painter of floral motifs and landscapes. These are not traditions that usually carry conceptual baggage, although anything picturesque necessarily involves itself in aesthetic history, intentionally or not.

But Dr. Reher has titled his lush, impressionistic botanical painting “Tulips of Darwin,” and although this is indeed the given name of the flowers in the picture, it is an unusual name that begets a certain line of questioning. Namely, what has been the evolution of these crimson blooms? Why have they survived to this day while others have not? And what can Dr. Reher’s painting tell us about them? That their petals are immense and densely colored, in shades ranging from claret to magenta, from rose to pumpkin. That these hues so overwhelm the flowers that they tint their stems, staining chartreuse with hot pink, changing lime to marigold. Granted, an artist has no obligation toward scientific accuracy, and Dr. Reher’s painting offers a visual impression rather than a factual observation.

But sometimes that can be the more authentic one, especially, perhaps, in the case of tulips. Having been zealously bred and hybridized since the days of the Dutch Tulip Mania, their particular qualities can hardly be considered natural, but rather the product of human subjectivity.

—Lori Waxman 8/20/12 1:49 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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