60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Robert Bayer

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Vor zwölf Jahren konstruierte Robert Bayer ein Kunstwerk, indem er ein Stück bedruckten Stoffs auf einen Keilrahmen spannte, das Ganze mit grün bemalten Rändern versah und etwa zwei Dutzend kleine Objekte an Angelschnüre anbrachte, die dann vor dieser Leinwand von Oben nach Unten herabhängen. Er gab dieser Arbeit den Titel „Alles gleich?“, was eine ganze Menge Fragen aufwirft.

Erstens: Haben alle Gemälde, die bedruckten Stoff verwenden, der in einem Laden gekauft wurde, mit institutioneller Kritik à la Daniel Buren zu tun?

Zweitens: Öffnet alle Kunst, die sich mit vorgefundenen Objekten beschäftigt diesen den Raum neuer ästhetischer Möglichkeiten, wie dies für Marcel Duchamp oder Robert Rauschenberg gilt?

Drittes: Werden alle Hemdknöpfe im selnben Verfahren hergestellt?

Die Antwort auf die ersten beiden Fragen lautet „Nein“, wenngleich dies für die Arbeit Bayers vielleicht irrelevant sein mag. Wenn man nur ein einziges Stück zu Gesicht bekommt fällt es immer schwer Aussagen zu treffen, denn konzeptuelle Argumente entwickelt man immer am besten ausgehend von einem Kontext.

Die Antwort auf die dritte Frage lautetet ebenfalls „Nein“, doch diese Sache wird in der Tat von Bayers Werk belegt, wo sich kleine Knöpfe in Form von Marienkäfern Seite an Seite mit riesigen finden, die wie Juwelen aussehen, wo bunte quadratische Knebelknöpfe neben einfachen aus Metall hängen. Diese Dinge sehen alle anderes aus, und doch scheinen sie alle aus Plastik zu sein, und so vertikal angeordnet wie sie sind, wird aus der gestreiften Leinwand eine riesige Hemdbrust.

Daniel Buren wäre zufrieden.

— Lori Waxman, 22. August 2012, 15.51 Uhr

 

Twelve years ago Robert Bayer constructed an artwork by stapling a piece of printed striped cloth to a stretcher, framing it with green painted sides, and dangling some two dozen small objects on fishing wire hung between the top and the bottom edges. He called it “Alles gleich?” which roughly translates as “All the same?” and which begs a couple of questions.

First, are all paintings made from store-bought striped cloth engaged in institutional critique à la Daniel Buren? Second, is all found object

art concerned with opening up aesthetic possibilities toward the quotidian or the chance find, as with Marcel Duchamp or Robert Rauschenberg?

Third, are all shirt buttons created equal?

The answer to the first two questions is no, although this may or may not be relevant to Bayer’s artwork. It’s hard to know without seeing more than one piece, since conceptual points are best made in context.

The answer to the third is also no, but this matter is indeed settled by Bayer’s composition, which pits small ladybug fasteners against enormous jeweled ones, and colorful square toggles against simple metallic ones. These things look different but all seem to be made of plastic, and suspended vertically as they are, they turn a striped canvas into a giant shirtfront.

Daniel Buren would be pleased.

—Lori Waxman 8/22/12 3:51 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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