60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Robert Eikam

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

In der Geschichte der modernen Kunst gibt es jede Menge Gitter. Bei Jean Arp und Annie Albers, bei Piet Mondrian, bei Paul Klee und bis hin zu Peter Halley.

Oftmals wird diese Geschichte als die Geschichte reiner Abstraktion verstanden, doch das ist ein Missverständnis. Ein Bild aus dem Jahr 2008 von Robert Eikam bietet die Möglichkeit zu begreifen, inwiefern Gitter ebenso zu einer Wirklichkeit in Bezug stehen, wie sie auch zur Herstellung eines Bildes gehören. Rund drei dutzend Quadrate und Vierecke reihen sich zu einem ungleichmäßigen Muster. Mittelgroße stehen neben großen, kleinere in kleinen. Violett grenzt an Blaugrün, Marineblau säumt blasses Gelb, Braungrau wird von Ocker unterlegt. Manche Formen und Farben sind voneinander durch scharfe Bleistiftstriche abgesetzt oder durch dicke Skizzierstriche, andere wiederum durch Negativräume oder farblichen Kontrast.

Das mag nun eindeutig formal klingen, also nach reiner Abstraktion (was es zum Teil ja auch ist), doch auf diese Weise werden auch Karten angelegt. Und Eikams Malerei ist nicht bloß elegantes Arrangement von geometrischen Formen und Pastellfarben und feiner Linienführung, sondern auch eine Draufsicht von Oben, auf Gartenanlagen und kleine Gebäude, auf Straßen und Zäune ... und vielleicht sogar auf das Leben, das zwischen diesen pulsiert.

— Lori Waxman, 4. Juli 2012, 16.32 Uhr

The history of modern art is full of grids, from Jean Arp and Annie Albers to Piet Mondrian, from Paul Klee all the way forward to Peter Halley.

Often this history is understood as a history of pure abstraction, but this is a misunderstanding, and a 2008 canvas by Robert Eikam offers a lesson in how grids relate both to reality and to picture making. Some three dozen squares and rectangles arrange themselves in an irregular pattern, medium next to large, small within smaller. Violet abuts teal, navy edges on the palest of yellow, ocher underlays taupe. Some shapes and colors separate via sharp pencil lines or thick, sketchy strokes, others through negative space or color contrast.

This may sound uniquely formal, the stuff of pure abstraction, and it is in part, but it is also how maps are arranged. And Eikam’s painting is not just an elegant arrangement of geometric shapes and pastel colors and fine lines, but also a view from above, of garden plots and small buildings, of roads and fences, and even, perhaps, the life that pulses in between.

— Lori Waxman 7/4/12 4:32 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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