60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Rose-Marie Bohle 

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Rose-Marie Bohle hat keine Angst vor ihrem eigenen Schatten. Ganz im Gegenteil, war er ihr doch durch die letzten sieben Jahre hindurch eine Art Muse gewesen, eine Muse, die ihr passender Weise überall hin folgt, und wie jede gute Muse, Gestalt und Gewebe wechselte, ihre zahlreichen Gemütszustände enthüllte, doch zugleich auch verbarg.

Fotografiert vor einem Hintergrund mit dickem und welligem Seegras, schwillt der Schatten borstig an, wird zu mythischen grünen Monster, das sich aus den Tiefen des bretonischen Meeres erhebt. Sich spiegelnd in einem Pool vor dem Pavillon der Nordischen Staaten bei der Biennale von Venedig strahlt er in der türkisen Aura, die an alte Gespensterfotografien gemahnt.

Auf einen Stein geworfen, sticht Bohles Schatten klar umrissen ab; auf der rauen Borke eines Baumstamms wird er auf groteske Weise deformiert. Ausgebreitet auf gewellten Sand, wirft er Falten; auf einer roten und weißen Wand wirkt er abstrakt.

Und schließlich, wenn der Schatten des ganzen Körpers auf dem trockenen Boden einer herbstlichen Landschaft sichtbar wird – steht er auf und geht davon.

— Lori Waxman, 30. Juni 2012, 14.25 Uhr

Rose-Marie Bohle is not afraid of her own shadow. On the contrary, it has for the past seven years acted as a kind of muse, one that conveniently follows her everywhere and, like any good muse, shifts shape and texture, revealing and hiding her many moods.

Photographed against a ground of thick, wavy seaweed, the shadow grows hirsute, a mythological green monster arisen out of the depths of the Bretagne sea. Reflected in a pool in front of the Nordic Pavilion at the Venice Biennale, it glows with a turquoise aura reminiscent of spirit photography.

Cast on stone, Bohle’s shadow juts out sharply; on the rough bark of trees it deforms grotesquely. Cropped against undulating sand, it wrinkles; against a red and white wall, it abstracts.

Finally, with the shadow’s entire body visible against the dried ground of an autumnal countryside, it gets up and walks away.

— Lori Waxman 6/30/12 2:25 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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