60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ruth Höner / Elis Piehl

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Maschendraht hat einen langen Weg zurückgelegt, seit die Ritter des Mittelalters in Kettenhemden gewandet in die Schlacht zogen. Hochtechnologieversionen werden heute dafür benutzt, in Wasserhähne eingebaut zu werden und Mikrofone zu ummanteln, sie werden für Space Shuttles gebraucht und man findet sie an postmodernen Gebäuden in Doha, Köln oder Oklahoma City.

Und jetzt hat er es, dank Ruth Höner und Elis Piel, auch wieder zurück zum Körper geschafft. Im letzten Jahr haben die beiden Frauen Kleider und Accessoires handgefertigt, die dieses dafür gar nicht nahe liegende Material verwenden. Ein dünnes Gewebe aus rostfreiem Stahl, das mit schwarzer Spitze versehen wird, gerät zu einer eleganten Weste mit hohem Kragen, die ausgezeichnet für eine Teeparty im Weltraum geeignet ist. Ein genauso dünnes Drahtgeflecht aus Kupfer, auf dem Pfauenfedern appliziert sind, wird zu einer Handtasche, die desgleichen für ein solches Rendezvous geeignet scheint.

Die Verwendung von Maschendraht in der Mode liegt keineswegs auf der Hand. Berührt man die reineren Kupfertextilien, so oxidieren diese. Knüllt man sie, bleiben Abdrücke. Biegt man sie zu stark, dann brechen die Fäden. Das ist zwar nicht uninteressant, aber unpraktisch. Doch Höner und Piel arbeiten hier experimentell, sie schaffen etwas, das zum einen Architektur ist, zum anderen Schild, zugleich maschinell und nach Maß gefertigt. Mit einem Zug, der innerhalb der Praxis der Avantgarde bekannt ist, wird hier Rückschritt zu Fortschritt.

Das sind Kleider für die Ritter von heute, gepanzert gegen Langeweile und synthetische Fasern.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 14.02 Uhr

Wire mesh has come a long way since medieval knights went into battle dressed in chain mail. High-tech versions are used to build sink faucets, microphones, space shuttles, and postmodern buildings from Doha to Cologne to Oklahoma City.

And now, thanks to Ruth Höner and Elis Piehl, it has found its way back to the body. For the past year, the two women have been fashioning clothing and accessories by hand using this most improbable material. A fine weave of stainless steel, overlaid by black lace, generates an elegant, high-collared vest appropriate for a tea party in outer space. An equally fine copper mesh, appliquéd with peacock feathers, creates a handbag that would be equally welcome at such a gathering.

The application of wire mesh for couture is not at all obvious. Touching oxidizes the purer copper textiles. Scrunching leaves imprints. Bending breaks wires. This is not uninteresting, just impractical. But Höner and Piehl are working experimentally here, creating something that is part architecture and part shield, both machined and bespoke.

In a move familiar within avant-garde practice, they regress to progress, dressing like knights for today, armored against boredom and synthetic fabrics.

—Lori Waxman 8/4/12 2:02 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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