60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ruth Müller

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Jedes Mal, wenn ein großer schwarzer oder roter Kreis im Zentrum einer weißen Leinwand erscheint, denkt man an Robert Motherwell und ebenso an die japanische Nationalflagge. Das ist weder gut noch schlecht, sondern auf diese Weise funktioniert Malerei heute nun einmal, zumindest für den historisch geschulten Blick.

Im Zeitraum zwischen Weihnachten 2008 und dem Neujahrstag 2009 schuf Ruth Miller ein kühnes quadratisches Bild, welches genau diese Eindrücke erweckt, wenngleich für sie der Kreis Allegorie für den Wechsel des einen Jahres zum nächsten ist. Ein anderes Jahreswechsel-Bild zeigt die breiten schwarzen Pinselstriche eines Franz Kline mit derselben Absicht, hinzu kommt eine hoch ragende Silhouette einer geschlechtslosen Person, die mit großer Tapferkeit auf das expressionistische Gekrakel blickt.

Millers persönliche Neigung zum Abstrakten Expressionismus, wozu auch bemalte Fotografien und Kollagen gehören, wirkt wie eine Neuinterpretation einer historischen macho-amerikanischen Praxis. Was wäre geschehen, scheinen sie zu fragen, wenn Pollock und Co. etwas weniger von sich selbst überzeugt gewesen wären und ein wenig offener für Geschichten und Fragmente?

Was wäre geschehen, wenn sie 75jährige Frauen gewesen wären?

— Lori Waxman, 9. Juli 2012, 15.05 Uhr

Every time a large black or red sphere appears in the center of a white canvas, Robert Motherwell comes to my mind, as does the Japanese flag. This is neither good nor bad, but rather one of the ways that painting works today, at least on an art historically trained eye.

In between Christmas 2008 and New Year’s Day 2009, Ruth Miller created a bold square picture with just this echo, though for her the circle stands as an allegory for the world turning from one year to the next. Another between-the-years picture deploys the wide black brushstrokes of a Franz Kline with similar intent, adding in the tall silhouette of a genderless person, who gazes with great fortitude at the expressionistic scrawls.

Miller’s personal twist on Abstract Expressionism, which also includes the addition of painted photographs and collaged paper, feels like a re-interpretation of a historically macho American practice. What, they seem to ask, if Pollock and company had been a little less sure of themselves and a little more open to stories and scraps?

What if they had been seventy-five-year-old women?

— Lori Waxman 7/9/12 3:05 PM

 

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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