60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Sarah Jones

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Sarah Jones ist der Name einer Künstlerin. „Sarah Jones“ ist auch der Name eines Kunstwerks. Das war nicht immer so.

Es war einmal, dass die Künstlerin, die man als Sarah Jones kennt, einen leicht anders lautenden Namen trug, den man ihr gegeben hatte und den sie bevorzugt, für sich zu behalten. Den Namen, den sie sich selbst wählte und den sie auch gerne preisgibt, ist eigenartigerweise einer der gebräuchlichsten Namen, den ein Mädchen aus England sich wählen kann. Nichts von dem Klischee von Originalität also, das durch die Avantgarde zur Welt gebracht wurde. Trotzdem ist die Avantgarde in diesem Zusammenhang in hohem Maße von Bedeutung, war es doch Duchamp, der vermittels seiner Erfindung der Ready Mades entschied, dass es die Absicht und die Namensgebung und der Kontext seien, die aus einem Kunstwerk ein Kunstwerk machen. Duchamps Flaschentrockner ist ein Kunstwerk, andere Flaschentrockner sind es hingegen nicht, zumindest solange nicht, ehe jemand anderes entscheidet, sie seien solche und sie auch als solche präsentiert. „Sarah Jones“ ist ein Kunstwerk.

Das bedeutet jedoch nicht, dass alle anderen Sarah Jones, oder deren Namen, oder das Konzept ihrer Namen, ebenfalls Kunstwerke sind. Das ist schade, denn wäre dem so, wäre England entschieden interessanter.

— Lori Waxman, 1. August 2012, 15.50 Uhr

Sarah Jones is the name of an artist. “Sarah Jones” is also the name of an artwork. This was not always so.

Once the artist known as Sarah Jones had a slightly different name, which was given to her and which she prefers to keep to herself. The one that she has chosen herself, and which she willingly gives out is, curiously, one of the most common names that a girl from England could choose. There goes the cliché of originality that the avant-garde birthed. But the avant-garde is nevertheless extremely relevant here, since it was Duchamp who decided, with his invention of the ready-made, that intention and naming and context are what make an artwork an artwork. Duchamp’s bottle rack is an artwork but other bottle racks are not, unless someone else decides that they are and presents them as such.

“Sarah Jones” is an artwork but that does not mean that all of the other Sarah Joneses, or their names, or the concept of their names, are also artworks. Which is too bad, because it would make England a hell of a lot more interesting.

—Lori Waxman 8/1/12 3:50 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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