60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Ina Schoof/Ana Baumgart

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Irgendwo in der Sahara sitzen zwei junge Frauen auf den Rücksitzen von Motorrädern, die von dunkelhäutigen Marokkanern gefahren werden. Das ist keineswegs eine so romantisch exotische Erfahrung in Sachen Motorradabenteuer wie es den Anschein hat.

Die Motorräder ziehen enge Kreise um ein Zentrum, in dem sich ein großes weißes Netz überschlägt und dreht. Dieses Netz ist einerseits ein Gerät fürs Fischen, zum anderen gleicht es einem Krabbelröhre für Kinder. Die Frauen, die dieses Netz eigenhändig geflochten haben, ziehen es zwischen einander hin und her.

Sie heißen Ina Schoof und Ana Baumgart, und mit „I guess you don’t know me 05“ verbrachten sie elf Tage in einer endlosen Weite aus Sand. Sie veranstalten etwas, das in keiner Weise dem gleicht, was land artists früher standortspezifisch in der Wüste realisiert haben. Auf den ersten Blick scheinen ihre Bewegungen skurril, doch letzten Endes sind die knisternden Töne aus dem Zweikanalvideo nicht länger zu ignorieren, denn es surrt hier weitaus mehr Unheil verheißend als das Dröhnen einer Maschine.

Die leichte Absurdität ihres Spiels gerät mit jeder Verdrehung des Netzes etwas dunkler. In der unermesslichen Landschaft des Sandes, in der es nicht viel mehr als eben diesen gibt, transformiert eine Fata Morgana das Unbelebte zum Belebten, das Spielerische ins Böse und das Netz in etwas, das dazu bestimmt ist, gequält und vernichtet zu werden.

— Lori Waxman, 30. Juli 2012, 16.30 Uhr

 

Somewhere in the Saharan desert, two young women ride on the backs of motorbikes driven by dark Moroccan men. This is not the picture of romantic freewheeling exotic experience that it sounds.

The bikes travel round and round a tight circle, at the center of which tumbles and twists a large white net, part fishing device, part children’s crawling tube. The women, who knotted the net themselves, drag it around between them.

They are Ina Schoof and Ana Baumgart, and in “I guess you don’t know me 05,” they spent eleven days in an endless expanse of sand doing something not at all like the site-specific land art of past desert-bound artists. Their gestures look whimsical at first, but eventually the crackling audio of the two-channel video presentation becomes impossible to ignore, its buzzing more ominous than the mere drone of an engine.

The light absurdity of their game darkens with each distortion of the net. In a vast landscape of sand and not much else, mirage transforms the inanimate into the animate, the playful into the sinister, a net into something tortured and left to ruin.

—Lori Waxman 7/30/12 4:30 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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