60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Scott Douglas

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Scott Douglas fotografische Serie „No Exit“ zeigt junge Menschen, die in schattenhaften Häusern, in Industriebaracken, auf verlassenen Dachböden und seltsamen Feldern spuken. Ihre Körper scheinen fest gefügt zu sein, doch ihre Gesichter verraten ihre gespenstische Abkunft.

Verwischt, gleich einer Maske oder ganz und gar ausradiert – Douglas erreicht derlei unheimliche Effekte, indem er bewegliche Objekte bei langer Belichtungszeit fotografiert. Das könnte auch unabsichtlich passieren oder mit Hilfe von Photoshop nachbearbeitet werden, doch er arbeitet gezielt so. Die Ergebnisse liegen irgendwo zwischen den äußerst merkwürdigen Portraits von Ralph Eugene Meatyard, die dieser von Familienmitgliedern und Freunden mit Halloween-Masken in den 50er und 60er Jahren gemacht hat; den schlüpfrigen Bildern des australischen Fotografen Bill Henson von Teenagern in der Dunkelheit und A Nightmare on Elm Street, Teil wie-viel-auch-immer.

Wenn man solchen Referenzlinien gerne folgt, dann lassen sich auch Ähnlichkeiten zu Gothic finden, die sich zur derzeitigen Vampirmode fortsetzen lassen, sowie auch zu zahlreichen anderen Gebieten. Das mag schließlich auch der tatsächlichen Bedrohlichkeit entsprechen, für die „No Exit“ steht – kein Entkommen aus den Referenznetzen von Populärkultur und Kunst. Und das ist nun wahrhaftig gruselig.

— Lori Waxman, 20. Juni 2012, 17.14 Uhr

In Scott Douglas’s photographic series “No Exit,” young people haunt shadowy homes, industrial sheds, derelict attics and strange fields. Their bodies are mostly solid but their faces give away their spectral nature.

Blurred, masklike or even totally disappeared, Douglas achieves their eerie effect by shooting moving subjects at slow camera speed. You could do this with Photoshop or by accident, but he gets his pictures intentionally. The results land somewhere in between Ralph Eugene Meatyard’s deeply odd portraits of family and friends in Halloween masks from the 1950s and 60s; contemporary Australian photographer Bill Henson’s risqué images of teenagers in the dark; and “Nightmare on Elm Street,” part whatever.

The references keep going, if you’re willing to follow, down the path of Gothic teen fashion and the cult of Vampire fiction, and many other places as well. That, in the end, might be the real threat of “No Exit”—no exit from popular and artistic reference points. Now that’s frightening.

—Lori Waxman 6/20/12 5:14 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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