60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Seelenburg

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Manchmal scheint es, als könne Nichts mehr bedeuten als Etwas. Ad Reinhardt malte komplett schwarze Bilder, Bas Jan Ader verschwand, John Cage öffnete ein Klavier für vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden und schloss es dann wieder.

Seelenburg, ein „virtueller Mönch“ aus Kassel, schuf auf YouTube eine Installation. Es handelt sich um ein dreißigminütiges Video, das einen schwarzen Bildschirm ohne Ton zeigt. Auch „Nichts“, wie die meisten Vorgängerarbeiten in Sachen Nichts, braucht irgendeine Erklärung oder einen Kontext, um verstanden werden zu können. Dieser Umstand war immer schon ein wenig paradox, aber was soll’s.

Cage wollte, dass sein Publikum den Geräuschen des Lebens lauschen sollte, und nicht bloß formal gestalteter Musik. Seelenburg will, dass sein Publikum aufhört, sein Leben der völligen Kontrolle durch digitale Technologie im Dienste der Großkonzerne und Regierungen zu unterstellen. Es läge eine gewisse Ironie in der Sache, wenn er dies gerade vermittels einer Technologie tun würde, gegen die er aufbegehrt, wäre da nicht die letzte Zeile seines Manifests - eine Deklaration, die es so genau auf den Punkt bringt, dass sie sich wie ein Virus verbreiten könnte. Sie lautet:„Ich stimme zu, die Mobiltechnologie als Auge und Ohr für Ungerechtigkeit in der Welt zu verwenden, jedoch nicht als Kriegstechnologie.“ So ist es.

Ai Wei Wei würde das ohne zu zögern unterschreiben, und ebenso jeder junge Nutzer von Mobiltelefonen in Kairo, Damaskus und Tripolis.

— Lori Waxman, 15. August 2012, 16.05 Uhr

Sometimes it seems that nothing has more meanings than something. Ad Reinhardt painted all black canvases, Bas Jan Ader disappeared, John Cage opened a piano for four minutes and thirty-three seconds, then closed it.

Seelenburg, a “virtual monk” from Kassel, created an installation on YouTube that amounts to a thirty-minute video of black screen and silent audio. “Nichts,” like most of the nothing artworks that preceded it, needs some explanation or context in order to be understood. This has always been a bit paradoxical, but whatever.

Cage wanted his audience to pay attention to the sounds of life, not just formal music; Seelenburg wants his audience to stop giving their lives over to the total control of corporate and government interests via digital technology. There would be an irony to his doing this via the very same technology that he rails against if not for the last line of his manifesto, a declaration so to the point it might just go viral: “I agree to use Mobile Technology to be an eye and ear for injustice in the world, but not as a means of war.” Indeed.

Ai Wei Wei would sign that in a heartbeat, and every young mobile phone user on the streets of Cairo, Damascus and Tripoli.

—Lori Waxman 8/15/12 4:05 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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