60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Sergiu Matis

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Mit „Doom Room“ unternimmt der Choreograf Sergiu Matis den Versuch, ein einstündiges Tanzstück auf den Kopf zu stellen und zu verdrehen. Die Tänzer Nefeli Skarmea und Matis selbst sind dem verpflichtet, zuweilen sogar buchstäblich.

Ein Verhalten, das man sonst außerhalb der Bühne erwartet, tritt auf selbiger ein, und einer der Tänzer schiebt sich an der Wand entlang, während sich der andere in der Mitte streckt. Der Boden, auf dem sich die Tänzer bewegen, erhebt sich zwanzig Zentimeter über den Grund, doch da das nicht wirklich gelingt, springen und fallen sie, um gleich wieder zu springen und zu fallen, solange, bis sie nicht mehr springen können.

Requisiten werden auf falsche Weise eingesetzt, so wird etwa ein einfacher Faltstuhl zu einer Maske und dann wieder zu einer Luke, durch die man hindurch steigen kann. Die frontale Ausrichtung des traditionellen Theaters wird umgekehrt, und nicht nur zeigen die Tänzer dem Publikum ihre Rücken, sondern Skarmea hat ihre Kleidung verkehrt herum angezogen und trägt am Hinterkopf eine Maske.

Der Effekt könnte kaum ungelenker ausfallen, sogar für einen leistungsfähigen Körper wie den ihren. Ein weniger leistungsfähiger Körper könnte jedoch niemals derart linkisch agieren. Das ist Höhepunkt und ebenso typisches Beispiel, geht es um ein avantgardistisches Arbeiten mit Körper und Prozess. Das Publikum ist bewegt, aber erschöpft und verwirrt, wurde es doch im Laufe einer Stunde mit einer Serie von beabsichtigten Fehlleistungen konfrontiert. Das Publikum ist sich nicht ganz sicher, was es gerade gesehen hat, doch eines Tages wird es dies vielleicht begreifen.

— Lori Waxman, 21. Juli 2012, 16.07 Uhr

In “Doom Room,” choreographer Sergiu Matis attempts to turn a one-hour dance performance inside out and backwards. The dancers Nefeli Skarmea and Matis himself oblige, sometimes literally.

Off-stage behavior appears on, and one dancer meanders by the wall whilst the other stretches in the middle of the floor. The ground on which the dancers dance rises up in the air by 20 centimeters, but since it can’t really, they jump and fall, jump and fall, until they can’t jump anymore.

Props are used wrongly, so a simple folding chair becomes a mask and then a porthole to be stepped through. The frontal mode of traditional theater is turned around, and the dancers not only present their backs to the audience but Skarmea reverses her clothes and tops it off with a mask on the back of her head. The effect could not be more awkward, even for her capable body. A less capable body, however, could not manage to pull off such awkwardness.

It’s a climactic moment and also a representative one in terms of avant-garde work with the body and with process. The audience is moved but exhausted and confused, having been presented with a series of deliberate failures over the course of an hour. They don’t know quite what they’ve seen, but one day they just might.

— Lori Waxman, 7/21/12 4:07 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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