60 Worte/Min. Kunstkritik - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Sigrid-Anne Reuß

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Als John Cage die Kunst als absichtsloses Spiel definierte, da dachte er nicht an die Werke von Sigrid- Anne Reuß oder irgendetwas dergleichen. Doch seine Ideen fallen hier auf neuen, fruchtbaren Boden, zwischen all den bemalten Keramiken, Schals und Lampen, die Reuß herstellt. Die Künstlerin bedeckt Objekte mit allen denkbaren Schattierungen und Farben. Mit Spiralen und Punkten, Wellenlinien und Streifen und auch mit Formen, für die es zurzeit noch keinen Namen gibt. Je größer das Objekt, umso mehr Raum gibt es den freien Formen, die es bedecken. Je kleiner das Objekt ist, umso dichter wird das Ornament. Es scheint so, als ob sich Reuß dafür entschieden hätte, das Dekor demokratisch zu verteilen, ohne Rücksicht auf die jeweilige Größe. Zusammengenommen formt das ein erstaunlich harmonisches Ganzes, der Zusammenprall von Färbung und Muster gleicht sich mit der Güte, die in der Fülle liegt, und deren Bereitwilligkeit, miteinander auszukommen, wechselseitig aus. Die Objekte pulsieren förmlich vor reiner Fröhlichkeit, erfüllen aber dennoch den vorgesehenen Zweck für den Alltagsgebrauch: Die Tassen fassen Kaffee, aus den Streuern kommt Salz, Lampen leuchten neben den Betten, Schals lassen sich um den Hals schlingen und sogar um Köpfe wickeln, die kahl geworden sind. Es gibt hier immer mehr und mehr Aufgaben, die zu erfüllen sind – umso besser, wenn man das mit so heiteren und großzügigen Gesellen wie diesen hier tun kann.

—Lori Waxman 28.7.2012, 14.35 Uhr

When John Cage defined art as purposeless play, he did not have the work of Sigrid-Anne Reuß in mind nor anything like it. But his idea finds a new resonance here, amid Reuß’s painted ceramics, scarves and lamps. The artist covers objects in every shade of every color; in spirals and dots, waves and stripes, and forms that don’t yet have a name. The larger the object, the more space given to the free forms that fill it; the smaller the object, the denser its ornament, as if Reuß had decided to distribute decoration democratically, regardless of size. Together they form an unexpectedly harmonious whole, the clashing of hues and patterns cancelled out by the goodness of plenty and the willingness to get along. The objects vibrate with pure glee but serve quotidian roles: mugs hold coffee, shakers distribute salt, lamps light bedsides, scarves cover necks and even heads that have lost their hair. Always there are more and more tasks to complete—how much the better with cheerful, generous companions like these.

—Lori Waxman 7/28/12 2:35 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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