60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Simon Rosenthal

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

60 WRD/MIN ART CRITIC

Ein Gemälde kann vielerlei sein. Gedenkstätte eines Ereignisses, Portrait einer Person, die Aufzeichnung einer Handlung, eine expressive Geste, ein konzeptueller Vorschlag, eine Erzählung.

Zwei maßvolle Ölbilder von Simon Rosenthal gehorchen zumindest einiger dieser Möglichkeiten. Als Portraits von Personen zeigen sie mit großer Genauigkeit fürs Detail die Augen der Personen, die traurig aus den Leinwänden herausblicken. Als Aufzeichnung einer Handlung dokumentieren sie die Aufbringung von grellen Farben am Haar und im Gesicht dieser Personen, Transformationen zu traurigen Clowns und stummen Mimen. Als expressive Geste bezeugen sie die aggressive Natur der Handlung, wie auch die Tatsache, dass sich Schöpfung und Zerstörung nicht immer wechselseitig ausschließen.

Als konzeptueller Vorschlag stellen sie die Frage, was ein Portrait heute sein kann, lange nachdem die Epoche der Portraitmalerei und des fotografischen Realismus zu Ende gegangen ist und wir uns des Selbst als Maske bewusst geworden sind. Und als Erzählung erinnern sie uns an die unheimlichen Geschichten von Menschen, die in Bildern gefangen sind.

— Lori Waxman, 4. August 2012, 17.45 Uhr

A painting can be many things. It can be a memorial of an event, a portrait of a person, a record of an act, an expressive gesture, a conceptual proposal, a narrative tale.

A pair of modest oils by Simon Rosenthal is at least a few of these. As portraits of a person, they represent in great detail the subject’s eyes, staring mournfully out from the canvas. As the record of an act, they document the application of garish colors over the subject’s hair and face, his transformation into sad clown and mute mime. As expressive gestures, they testify to the aggressive nature of that act, but also how creation and destruction are not always mutually exclusive.

As a conceptual proposal, they question what a portrait can be today, long after the era of portrait painting and photographic realism have passed, and within a consciousness of the self as mask. And as narratives tales, they recall all those eerie stories of people trapped in paintings.

—Lori Waxman 8/4/12 5:45 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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