60 Worte pro Minute - 60 WRD/MIN ART CRITIC

Lori Waxmans Kunstkritik: Sissel Tolaas

Die Chicagoer Kunstkritikerin Lori Waxman rezensiert auf der documenta 13 öffentlich Kunst von jedermann. Etablierte Künstler, Studierende, Hobbymaler - sie alle können nach vorheriger Terminabsprache Werke in Waxmans blauer Hütte an der Schönen Aussicht vorbeibringen.

60 Worte pro Minute Kunstkritik

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Spricht man vom „Geruch des Geldes“, bedient man ein Klischee, doch wie bei den meisten Klischees, nimmt man gerade dieses selten wortwörtlich. Doch warum eigentlich nicht?

Sissel Tolaas hat genau das getan und im Jahr 2004 ein Parfum als künstlerisches Auflagenobjekt kreiert. Der Duft nennt sich „his name was EYNOM“ und obwohl Eynom nach einem auf rätselhafte Weise anziehenden norwegischen Mann klingt, ist dieser doch kein anderer als das Wort Money rückwärts buchstabiert.

Aber wie riecht so jemand? Ganz besonders männlich? Riecht er eher streng nach Geld oder nach dem Gegenteil? Um das herauszufinden, braucht man bloß zur Brieftasche greifen, Münzen und Banknoten hervorholen, sie an die Nasse halten und einmal tief einatmen. Eine fünfzig Euro Note verströmt Modergeruch, wohingegen eine Handvoll Eurocents ein blechernes Aroma besitzen. Sprüht man aus Tolaas einfachem Zerstäuber auf ein nahe liegendes Handgelenk, dann riecht es tatsächlich sofort nach Paradox: Frisch aber streng, harzig aber chemisch.

Das könnte zu einer Frau oder zu einem Mann passen, ist aber vielleicht für beide nicht besonders reizvoll. Das ist jetzt nicht gerade das Gegenteil von Geld, doch allzu weit davon entfernt ist es auch wieder nicht.

— Lori Waxman, 11. Juli 2012, 16.32 Uhr

It is a cliché to refer to the smell of money, but like most clichés, that particular one is rarely taken literally. But why not?

Sissel Tolaas suggests doing as much in a perfume she made as an art multiple in 2004. The scent is titled “his name was EYNOM,” and though Eynom might sound like a mysteriously appealing Norwegian man, he is really just money spelled backward.

But what does this man smell like? Is he particularly male? Does he reek of money or its opposite? To find out open up your wallet, take out the bills and coins, lift them up to your nose, and have a whiff. A fifty Euro note gives off a musty odor, while a handful of Euro cents possess a tinny aroma. Tolaas’s simple tester tube, depressed onto a nearby wrist, actually smells of paradox: fresh but harsh, piney but chemical.

It could work on a man or a woman, but might not really appeal to either. That isn’t quite the opposite of money, but it isn’t too far either.

— Lori Waxman 7/11/12 4:32 PM

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Zur Person

Lori Waxman. Kontakt und Anmeldung zur Kunstkritik über die E-Mail: critic@60wrdmin.org

Lori Waxman (36, geboren in Montreal) ist freie Kritikerin unter anderem für die "Chicago Tribune" und "Art Forum". Sie lehrt am School of the Art Institute in Chicago. Sie hat in Montreal, Chicago, Lancaster und New York Kunstgeschichte studiert und an der New York University promoviert. Waxman hat auch Essays, Katalogbeiträge und Bücher veröffentlicht. Waxman ist verheiratet und Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter. (vbs)

Quelle: mydocumenta

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